„Der Marienthaler Dachs“: Volatile Stimmung am Volkstheater
Wien (APA) - „Den Menschen hat‘s gefallen!“ hat der Autor Ulf Schmidt gestern kurz nach der Uraufführung seines Stückes „Der Marienthaler Da...
Wien (APA) - „Den Menschen hat‘s gefallen!“ hat der Autor Ulf Schmidt gestern kurz nach der Uraufführung seines Stückes „Der Marienthaler Dachs“ getwittert und ein 17-sekündiges Schlussapplaus-Video angefügt, das er von der Hinterbühne des Wiener Volkstheaters aufgenommen hatte. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive. Doch Aufstieg und Fall des Dachs wie des Dax ist auch eine Frage für Analysten.
Mit dem Stück, das bereits 2012 fertiggestellt wurde, aber nun - mit Anspielungen auf Wahlen, selbstherrliche Landeshauptleute und HC Strache - in manchen Passagen deutlich aktualisiert wurde, geht die neue Volkstheater-Direktorin Anna Badora ein hohes Risiko ein. Arbeitslosigkeit ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit, die 1933 erschienene Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ ein Klassiker der Sozialwissenschaften. Ein Stück wie jenes des deutschen Ex-Werbers, Autors und Digital-Experten Ulf Schmidt, das beides verbindet, gehört daher fraglos an dieses von der Arbeiterkammer unterstützte Theater, das sich damit seiner Kernkompetenz widmen kann. Doch auch sozial engagiertes Theater braucht eine Form. Idealerweise eine, die beiden Gefahren aus dem Weg geht: Holzhammer und Kuschelzone, Agitprop und Banalität. Und hier liegen die Probleme des Abends.
„Der Marienthaler Dachs“ ist ein Märchen, eine Allegorie, in der die große Wirtschaftswelt in einem kleinen Dorf ihre Probe hält. Figuren heißen „Vater Staat“, „Mutter Konzern“ und „Tochter Gesellschaft“, es gibt aber auch den „Kleinen Mann“, „Andi Arbeit“ oder „Bürgermeister Dieter Oben“. Wenn in der Familie eines Arbeitslosen über das Haushaltsbudget gestritten wird, herrscht „Börsenkrach“, wenn eine Sitzbank kaputt geht, ist man über den „Banken-Zusammenbruch“ alarmiert. Die traurige Welt des einst so prosperierenden Marienthal wird nun von Hoffnungslosigkeit bestimmt, statt sich auf Eigeninitiative zu verlassen, opfert man alles dem „Dachs“ (unschwer als Verballhornung des Frankfurter Börsenkurses Dax zu erkennen), eine Art Orakel, das nur über ein ausbeuterisches Medium (schleimig: Gabor Biedermann) mit den Menschen kommuniziert.
Der Wirtschaftsterminologie und Kalauer gewagt verbindende Text ist im Original auf einer 20 Meter langen Papierrolle festgehalten, auf der sich an fünf Handlungsorten - die „Wirtschaft“, der „Marktplatz“, das „Haus Pleite“, das „Haus Bank-Rott“, sowie eine Blackbox -, zwischen denen der Zuschauer nach Belieben wechseln kann, Parallelhandlungen entwickeln. „Der Marienthaler Dachs“ ist eigentlich als begehbare Installation konzipiert. „Die Handlung findet simultan an unterschiedlichen Orten des Dorfes statt, das vom aufführenden Theater - vermutlich am besten in einer großen Halle - entsprechend aufgebaut werden muss. Die Zuschauer wandeln zwischen den Orten hin und her, werden im besten Fall selbst Teil der Dorfgemeinschaft“, hatte Vasco Boenisch bei der Vergabe des AutorenPreises des Heidelberger Stückemarkts 2014 den Jury-Entscheid begründet.
Nichts davon nun im Volkstheater. Hier haben Regisseur Volker Lösch und Dramaturgin Heike Müller-Merten eine „Wiener Fassung“ erarbeitet, eine Analogversion für herkömmliche Guckkastenbühne, Schauspielensemble und einen Laienchor aus Wiener Arbeitslosen. In einer ironisch in Farbwahl und Schriftzug deutlich an Manner-Schnitten erinnernden Bühnenästhetik (Bühne: Carola Reuther) ersetzt eine dauernd rotierende Drehbühne mit Gasthaus-Theke und Schulungs-Raum die begehbare Rauminstallation. Gespielt wird mit den Mitteln der Groteske, grell, überzeichnet, im Dauer-Geschrei der Über-Erregtheit und Gereiztheit.
In dreieinhalbstündiger Über-Ausführlichkeit werden Stationen gesellschaftlicher und politischer Entwicklung durchgespielt, Depression und Entsolidarisierung, Anfälligkeit für simple Heilsbotschaften, Entstehung von Gewalt und Fremdenhass, Keimen von revolutionären Gedanken und Hass auf „die da oben“. Hinzu kommt der Konkurrenzkampf der Marienthaler gegen die Josefsthaler, der sich bis zur Pogromstimmung zuspitzt, und die sich anbahnende Katastrophe der brechenden „Scheißthalsperre“, die bald den Ortsbewohnern die Scheiße bis zum Hals stehen lassen wird. Doch warum nicht „die Scheiße als Chance“ begreifen?
Das alles ist jedoch doppelt so lang und nur halb so lustig, wie es sein könnte. Bald hat man kapiert, wie der Dachs läuft. Fulminante makroökonomische Exkurse wie die Milchmädchen-Rechnung für den Anti-Krisenplan für Marienthals Wirtschaft („Das kann dich nicht funktionieren! - Das funktioniert überall auf der Welt: Es beginnt mit bedrucktem Papier, und am Ende gehört der Bank dein Haus.“) und ein wirrer Wahlkampf zwischen „Andi Arbeit“ (Jan Thümer) und „Siegrid aus Hagen“ (Steffi Krautz) wechseln einander ab. Hart dazwischengeschnitten hat Lösch einen 20-köpfigen Chor aus Wiener Arbeitslosen, die immer wieder daran erinnern, dass es zur grotesken Übersteigerung der Bühnenhandlung eine wenig lustige Realität gibt, die einem oft näher ist als man vermutet.
Nicht allen Menschen hat‘s gefallen. Die Reihen im Zuschauerraum zeigten sich nach der Pause deutlich gelichtet. Das Kontrastprogramm zwischen knallhartem Thema, Kalauer-Parade, Allegorie-Revue und Arbeitslosen-Chor war eindeutig nicht jedermanns Sache. Börsianer würden die Stimmung als volatil beschreiben. Wie „Der Marienthaler Dachs“ am Ende notieren wird, hängt wohl stark von den Umsätzen an der Vorverkaufskasse des Volkstheaters ab.
(S E R V I C E - „Der Marienthaler Dachs“ von Ulf Schmidt, Regie: Volker Lösch, Bühne: Carola Reuther, Kostüme: Teresa Grosser, Chorleitung: Christine Hartenthaler, Mit Gabor Biedermann (Medium), Haymon Maria Buttinger (Opa Rosemarie), Thomas Frank (Der kleine Mann), Günter Franzmeier (Vater Staat), Sebastian Klein (Herr Knecht), Steffi Krautz (Siegrid aus Hagen), Evi Kehrstephan (Milchmädchen), Kaspar Locher (Hauptmann Bleibrecht Weber), Lilly Prohaska (Oma Gustav), Nadine Quittner (Tochter Gesellschaft), Claudia Sabitzer (Mutter Konzern), Martin Schwanda (Bürgermeister Dieter Oben), Jan Thümer (Andi Arbeit), Martin Esser (A3), Wolf Danny Homann (A1), Niklas Maienschein (A4), Dominik Puhl (A2) sowie einem Chor von Arbeitslosen aus Wien. Uraufführung im Volkstheater Wien, Weitere Aufführungen: 28., 29.9., 1., 2., 8., 10.10., Karten: 01/52111-400, www.volkstheater.at)
(B I L D A V I S O - Pressebilder stehen im Pressebereich von www.volkstheater.at zum Download bereit.)