ECC-Kongress - Krebs an allen Ecken und Enden angreifen
Wien (APA) - Gerade in der Onkologie werden ziemlich regelmäßig einzelne neue Therapien in buchstäblichen Hypes gefeiert. Die Zukunft liegt ...
Wien (APA) - Gerade in der Onkologie werden ziemlich regelmäßig einzelne neue Therapien in buchstäblichen Hypes gefeiert. Die Zukunft liegt jedoch in einem Prinzip, das die Krebstherapeuten schon immer verfolgt haben: in der Kombination möglichst vieler Attacken auf Tumore, sozusagen „an allen Ecken und Enden“, betonten am Samstag internationale Spitzenforscher beim Europäischen Krebskongress in Wien.
„Die genetischen Veränderungen, die zu Krebs führen, liegen in Mutationen der Signalwege in Zellen, im Abschreiben der Erbinformation (Fehler; Anm.), im Stoffwechsel und in der Umsetzung der Erbinformation in Proteine“, sagte Levi Garraway vom Dana Farber Krebsforschungsinstitut in Boston (USA). Doch im Laufe der Entstehung von Tumor- und bösartigen hämatologischen Erkrankungen zeige sich eine Gemeinsamkeit. „Am Beginn haben viele verschiedene Tumore viele genetische ‚Treiber‘-Mutationen gemein, dann aber entwickelt sich ein langer ‚Schwanz‘ von Mutationen, die jeweils nur bei einzelnen Tumoren auftreten.“ Das ist ein deutliches Indiz dafür, dass es nie „die“ Krebstherapie geben wird.
Das gleiche gilt für jene Mechanismen, die Krebszellen und Tumore zur Resistenz auch gegen die modernsten Medikamente der zielgerichteten Krebstherapie machen. Die von den Therapien plötzlich blockierten Signalwege in den Krebszellen können auf verschiedenste Weise reaktiviert oder umgangen werden. „Die dritte Möglichkeit ist, dass Krebszellen überhaupt davon unabhängige Mechanismen aufweisen“, sagte Garraway. „Eine dauerhafte Kontrolle einer Krebserkrankung wird eine Beherrschung der Krankheit auf einer Kombination von Mitteln auf einem höheren Niveau benötigen. Doch diese Kombinationen sind oft zu toxisch, um sie verabreichen zu können.“
Das dürfte auch zum Zusammenwachsen der modernsten Form der Krebsbehandlung, der neuen Immuntherapie, und den seit rund zehn Jahren verfolgten Strategien der Abstimmung der Gabe von Arzneimitteln führen, welche Krebszellen mit bestimmten molekularbiologischen Charakteristika an spezifischen Stellen ihres Lebenszyklus treffen (zielgerichtete Krebstherapie). Dies erklärte Caroline Robert, Chefin der Dermatologie-Abteilung am französischen Krebsforschungszentrum Gustave Roussy. Sie hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien zur Immuntherapie von Melanomerkrankungen durchgeführt.
„Wir sind total enthusiastisch“, betonte die Wissenschafterin. In einer Studie mit dem Immuntherapeutikum Pembrolizumab hätten nach zwei Jahren noch 48 Prozent der Patienten mit einer fortgeschrittenen Melanomerkrankung gelebt. Ähnliche Ergebnisse seien mit einem ähnlichen monoklonalen Antikörper (Nivolumab) erzielt worden. Dabei gab es eine Überlebensrate von 73 Prozent nach einem Jahr und von 42 Prozent nach zwei Jahren. Das sind Behandlungsergebnisse, wie es sie bisher in der Medizin nicht gegeben hat.
Dabei handelt sich um die Entfesselung des vom Melanom-Tumor bei Patienten lahmgelegten Abwehrsystems der Patienten. Medikamente wie der monoklonale Antikörper Ipilimumab beseitigen eine solche Bremse zwischen jenen Immunzellen, welche die Antigene des Tumors den T-Helferzellen zur Aktivierung der Immunantwort präsentieren sollen. Die sogenannten PD1-Inhibitoren, ebenfalls monoklonale Antikörper (Nivolumab, Pembrolizumab) wiederum blockieren jene Signale der Tumorzellen, welche bereits aktivierte Abwehrzellen am Angriff hindern.
„Doch 50 Prozent der behandelten Melanompatienten sprechen nicht an“, sagte Caroline Robert. Hier gibt es dringenden Forschungs- und Entwicklungsbedarf. Eine Möglichkeit, wie die Expertin erklärte: Seit Jahren und Jahrzehnten etablierte Krebstherapie - Chemotherapeutika und Strahlen - funktionieren, indem sie die Erbsubstanz der Krebszellen schädigen und zu noch mehr Mutationen führen. Dadurch entstehen neue Merkmale, welche das Immunsystem besser erkennen sollte. Damit ließe sich eventuell die Wirkung der Immuntherapie verstärken.