VW-Dieselskandal - Piech-Liebling Müller soll VW-Krise beenden
Wolfsburg (APA/dpa) - Ferdinand Piech ist an diesem denkwürdigen Freitag nicht in Wolfsburg gewesen. Zumindest körperlich. Doch der Name des...
Wolfsburg (APA/dpa) - Ferdinand Piech ist an diesem denkwürdigen Freitag nicht in Wolfsburg gewesen. Zumindest körperlich. Doch der Name des im Frühjahr geschassten VW-Patriarchen aus Salzburg geistert immer wieder über die gut abgeschotteten Flure des Verwaltungsgebäudes „BT10“ auf dem Volkswagen-Werksgelände. Bis ganz nach oben in die fünfte Etage, wo der Aufsichtsrat des Autobauers Wege aus der Katastrophe sucht.
Denn letztlich wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, dass Piech dank der Abgas-Krise doch seinen Willen bekommen hat, auch wenn er ihn sich so sicher nie gewünscht hat. Ferdinand Piëch wollte Martin Winterkorn von der Konzernspitze drängen - seit Mittwoch ist der 68-Jährige unfreiwillig im Ruhestand. Porsche-Chef Matthias Müller war dem Vernehmen nach damals Piechs Favorit für die Winterkorn-Nachfolge - jetzt soll Müller tatsächlich der neue starke Mann in Wolfsburg werden.
Anfang des Jahres wäre Müller unter komplett anderen Vorzeichen gestartet in den Job. Heute hat Volkswagen nicht viele Freunde: Zahlreiche Kunden sind enttäuscht, weltweit bereiten Regierungen harte Abgaskontrollen vor, die Bundesregierung hat in Sachen Diesel-Affäre eine Untersuchungskommission eingesetzt, auf VW rollt eine Klagewelle zu. Sogar der deutsche Autobranchenverband VDA hat Volkswagen kritisiert - ein Vorgang mit Seltenheitswert. Nun ist es Müllers wichtigster Job, die beschädigte Reputation von Europas größtem Autobauer wiederherstellen.
„Müller muss jetzt aufklären“, sagt Autoexperte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. „Und bei der Aufklärung könnte VW noch eine ganze Ecke zulegen - sowohl beim Tempo, als auch beim Umfang.“ Wer wusste von den Manipulationen an VW-Dieselmotoren? Welche Autos sind betroffen? Und vor allem: Wie teuer wird der Skandal für Volkswagen? Müller wird diese Fragen schnell beantworten müssen.
Der 62-Jährige wird außerdem die überzeugen müssen, die in der jüngsten Personalrochade eher ein größeres Facelift als eine Runderneuerung sehen. „Herbert Diess an die VW-Spitze zu holen, wäre sicherlich ein deutlicheres Signal für einen Neubeginn gewesen“, sagt zum Beispiel Commerzbank-Analyst Sascha Gommel. In der zweiten Reihe rutschen ebenfalls nur alte Bekannte nach. Auch dass VW weiterhin den bisherigen Finanzchef Hans Dieter Pötsch und damit einen VW-Mann an die Aufsichtsratsspitze holen will, sieht er mit Sorge. „Ein Kontrolleur von außen wäre eigentlich ein Muss“, kritisiert Gommel.
Eine Chance für Müller und Pötsch könnte aber in der geplanten Strukturreform liegen. Das Wolfsburger Auto-Imperium mit seinen inzwischen zwölf Marken soll entflochten werden. Das Motto lautet: Dezentralisierung. Die Marken und Regionen sollen mehr Verantwortung bekommen. Das Amt des Produktionsvorstands im Konzern soll wegfallen und die Verantwortung auf die Schultern der Marken und Regionen verteilt werden. Will VW die neue Struktur umsetzen, muss der neue Chef auch ein Moderator sein - nicht unbedingt nur ein Platzhirsch.
Müller habe „den richtigen Stallgeruch“ und habe sowie auf einen großen Rückhalt im Management bauen können, heißt es. „Das ist gerade mit Blick auf die anstehenden Strukturreformen, die nicht nur Freude hervorrufen werden, nicht zu unterschätzen“, sagt ein Konzerninsider.
Sowohl innerhalb des fünfköpfigen Präsidiums als auch im 20-köpfigen Aufsichtsrat hatte Müller schon vor Sitzungsbeginn beste Karten. Insbesondere auf der Arbeitnehmerseite gab es nach übereinstimmenden Berichten aus Teilnehmerkreisen Vorbehalte gegen VW-Markenchef Herbert Diess.
Zudem kann der 62-jährige Autonarr auf eine wachsende Unterstützung von der Kapitalseite vertrauen. Piëch-Cousin Wolfgang Porsche war nach dpa-Informationen einer der deutlichsten Fürsprecher Müllers im Aufsichtsrat. Denn nebenbei, so die Hoffnung, könnte auch der im Frühjahr nach dem Machtpoker mit Winterkorn vom Hof gejagte Ex-Patriarch und Großaktionär Ferdinand Piëch mit Müller wieder besänftigt werden.
Neben dem Umbau wird VW allerdings erstmal mit den Folgen der Manipulationen an Millionen Dieselmotoren fertig werden müssen. Das dürfte teuer werden. VW hat zunächst 6,5 Milliarden Euro für die Folgen des Debakels zurückgelegt. Analystenschätzungen reichen allerdings von Kosten in dieser Größenordnung bis zu Summen, die für den Konzern existenzbedrohend werden könnten.
Und es dürfte schwieriger werden, die drohenden Zahlungen mit steigenden Autoverkäufen aufzufangen. Der Absatz auf dem wichtigsten VW-Einzelmarkt China schwächelt. In Brasilien und Russland liegen die Automärkte schon länger brach. Auf dem US-Markt dürfte es nach dem Abgas-Skandal noch viel schwieriger für Volkswagen werden, seine jahrelange Absatzschwäche zu überwinden. Die Pkw-Kernmarke leidet noch immer unter einer vergleichsweise schwachen Rendite.
Diesen ganzen Strauß von Problemen hinterlässt Winterkorn seinem Nachfolger. Er muss sie in einem Konzern lösen, der wie kaum ein zweiter in Deutschland von der Politik und von Arbeitnehmervertretern mitbestimmt wird. Ein Traumjob schaut anders aus.
~ ISIN DE0007664039 WEB http://www.volkswagenag.com ~ APA138 2015-09-26/13:02