Was will Russland in Syrien?
Moskau/Washington (APA/AFP) - Nach Panzern, Artillerie und Bodentruppen hat Moskau nun auch Kampfflugzeuge und Drohnen nach Syrien geschickt...
Moskau/Washington (APA/AFP) - Nach Panzern, Artillerie und Bodentruppen hat Moskau nun auch Kampfflugzeuge und Drohnen nach Syrien geschickt. Die Ausweitung des militärischen Engagements Russlands in dem Bürgerkriegsland beunruhigt den Westen und sorgt zugleich in Hauptstädten von Ankara bis Washington für Stirnrunzeln.
Welche Ziele verfolgt Präsident Wladimir Putin mit der Aufrüstung seines Verbündeten? Will er die Jihadisten vom Islamischen Staat (IS) bekämpfen, dem angeschlagenen Machthaber Bashar al-Assad den Rücken stärken oder vor allem seine eigene Macht demonstrieren?
Nach vier Jahren Bürgerkrieg, aus dem weder der Westen, die Golfstaaten noch Moskau einen Ausweg gefunden haben, hat Putin die Initiative ergriffen. Ende Juni schlug er die Gründung einer erweiterten Militärallianz gegen die IS-Jihadisten vor, die sich auf die syrischen Regierungstruppen stützen solle. Während Außenminister Sergej Lawrow seine Kollegen in den USA und Saudi-Arabien sowie die syrische Opposition noch von dieser Idee zu überzeugen suchte, verstärkte Russland bereits seine Rüstungslieferungen nach Syrien.
In den folgenden Wochen passierten dann immer mehr russische Kriegsschiffe vom Schwarzen Meer den Bosporus in Richtung des syrischen Marinehafens Tartus, wo Russland seit Sowjetzeiten einen Logistikstützpunkt unterhält. Zuletzt registrierten US-Militärsatelliten den Ausbau eines Flughafens an der Mittelmeerküste nahe Assads Hochburg Latakia - und die Ankunft russischer Panzer, Artillerie, Helikopter, Kampfflugzeuge. Die US-Armee und die Nato sind überzeugt, dass Russland dort einen Luftwaffenstützpunkt errichtet.
Sollte Russland die Flugzeuge einsetzen, wäre es das erste Mal seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991, dass Moskau außerhalb des Gebiets der früheren Sowjetunion militärisch interveniert. Und einsetzen wird Moskau die Flugzeuge, ist der russische Militärexperte Alexander Golts überzeugt. „Es ist wie im Theater von Tschechow: Wenn das Stück ein Gewehr auf der Bühne vorsieht, dann, weil es benutzt werden soll“, sagt Golts. Er halte baldige Luftangriffe in Syrien für „wahrscheinlich“.
Die Frage nach den Gründen und Zielen für solche Luftangriffe bleibt vorerst ungeklärt. „Die Ausweitung unserer Aktivitäten hat begonnen, als wir verstanden, dass die (US-geführte) Koalition (gegen den IS) zum Scheitern verurteilt war, und es keinen klaren Plan für die Zukunft gab“, sagte die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa. Die Regierung in Damaskus heißt die russische Unterstützung freilich willkommen. Ein hoher syrischer Regierungsbeamter spricht von einem „Wendepunkt“ in dem Konflikt.
Zugleich machte er deutlich, dass es Moskau um seine strategische Position in der Region gehe - und damit nach der Intervention in der Ukraine wohl auch darum, erneut seinen Anspruch auf den Weltmachtstatus zu bekräftigen. „Moskau will die USA daran erinnern, dass seine Beziehungen zu Damaskus mehr als 50 Jahre alt sind und sich dieses Land in seiner Einflusszone befindet“, sagt der Regierungsbeamte. „Es ist auch eine Botschaft an die Länder der Region, dass Russland wieder ein zentraler Akteur werden will.“
Tony Cordesman vom Washingtoner Politikinstitut Isis glaubt, dass schon einige begrenzte Luftangriffe den Status Russlands und seine Bedeutung in Syrien anheben würden. Ob Russland aber wirklich mehr gegen die Jihadisten erreichen kann als die USA und ihre Verbündeten, ist zweifelhaft.
Im Vergleich zu der massiven Militärpräsenz der US-Streitkräfte in der Türkei, in Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die russische Präsenz bisher doch noch recht bescheiden.