Katalonien - Unabhängigkeit spaltet die Gesellschaft

Madrid/Barcelonnette/Barcelona (APA) - Am Sonntag sind 5,5 Millionen Katalanen aufgerufen, ein neues Regionalparlament zu wählen. Es handelt...

Madrid/Barcelonnette/Barcelona (APA) - Am Sonntag sind 5,5 Millionen Katalanen aufgerufen, ein neues Regionalparlament zu wählen. Es handelt sich allerdings nicht um normale Regionalwahlen. Kataloniens nationalistischer Regierungschef Artur Mas (CDC) hat die Wahlen zum Ersatz für das im vergangenen November verbotene Unabhängigkeitsreferendum erklärt.

Es könnten die wichtigsten Regionalwahlen in der Geschichte Spaniens werden. Immerhin sollen die Katalanen indirekt darüber entscheiden, ob der Abspaltungsprozess der wirtschaftsstärksten Region Spaniens eingeleitet werden soll. Vor allem die Unabhängigkeitsbefürworter sind hoch motiviert, ihre Stimme abzugeben.

Für Jaume Fernandez steht ganz außer Frage, wem er seine Stimme geben wird - der separatistischen Einheitsliste „Junts pel Si“ (Gemeinsam für das Ja). Dem separatistischen Parteienbündnis aus der konservativen CDC (Demokratische Konvergenz), den Ökosozialisten (ICV) und den Linksrepublikanern (ERC) winkt nach jüngsten Umfragen eine knappe absolute Mehrheit von 68 Sitzen im Regionalparlament.

Sollten sie diese erreichen, wollen sie spätestens in 18 Monaten die Unabhängigkeit Kataloniens ausrufen. Die Polemik ist vorprogrammiert. Denn die Stimmen aus den ländlichen und überwiegend separatistischen Provinzen haben proportional größeres Gewicht. 68 Parlamentssitze könnten gerade einmal 45 Prozent der Stimmen entsprechen.

Unterdessen will Spaniens konservativer Ministerpräsident Mariano Rajoy (PP) eine Abspaltung Kataloniens unter keinen Umständen zulassen und verweist auf die Verfassung, welche die „unauflösliche Einheit der spanischen Nation“ garantiert.

„Es wird Zeit für die Unabhängigkeit. Ich habe nichts gegen die Spanier. Aber wir Katalanen sind einfach anders. Wir haben unsere eigene Sprache, unsere eigene Geschichte und Kultur“, stellt Fernandez klar. Schon seit dem frühen Morgen steht er in einer langen Schlange vor der Antoni Brusi-Volksschule in Barcelona, um seine Stimme abzugeben. Wie die meisten trägt auch der 40-jährige Verwaltungsbeamte ein gelb-rot gestreiftes T-Shirts mit einem blauen Dreieck und einem Stern. Es handelt sich um die Estelada, die katalanische Unabhängigkeitsflagge.

Knappt 50 Meter vor Jaume Fernandez wartet auch Julia Lopez in der Schlange, um zu wählen. Für die seit drei Jahren arbeitslose Biologin spielen neben Identitätsfragen vor allem auch wirtschaftliche Faktoren eine wichtige Rolle, die Abspaltung Kataloniens von Spanien zu wünschen. „Wir tragen mehr als 20 Prozent zur Wirtschaftsleistung Spaniens bei, bekommen aber von Madrid weniger als ein Zehntel zurück. Wie sollen wir so jemals die Wirtschaftskrise überwinden?“, fragt sich die 37-jährige Katalanin.

So denken nicht wenige Katalanen. „Den Separatisten ist es im Zuge der Wirtschaftskrise gelungen, die Menschen davon zu überzeugen, dass vor allem die spanische Zentralregierung Schuld daran sind, dass sich die Lage nicht verbessert und die Lösung sämtlicher Probleme in der staatlichen Selbstständigkeit liegt“, versichert auch der spanische Wirtschaftsexperte Jose Piquer im APA-Gespräch. Die Separatisten hätten die Wirtschaftskrise geschickt mit der nationalen Identität verknüpft, meint der Experte von der Madrider IE University.

Die Zuspitzung der politischen Wortgefechte zwischen Madrid und Barcelona, die undiplomatische Blockadepolitik der Zentralregierung, aber auch eine seit vier Jahren permanent durchgezogene separatistische Dauerpropaganda haben Wirkung gezeigt.

Dennoch gibt es keine Mehrheit für die Unabhängigkeit. Nach jüngsten Umfragen ist etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung für die Abspaltung. Etwa genauso viele sind dagegen. Bis zu 70 Prozent der Katalanen stammen aus Familien, die aus anderen Teilen Spaniens zugezogen sind. Hunderttausende Spanier sind aus Jobgründen in die wirtschaftsstarke Region gezogen und sprechen sich klar gegen die Loslösung Kataloniens von Spanien aus.

So auch die 32-jährige Madrilenin Katia Ballano. „Ich bin gegen die Abspaltung Kataloniens, aber durchaus für ein bindendes Referendum“, stellt Ballano klar. Sie ist sich sicher, dass die Mehrheit in einem solchen Referendum gegen die Unabhängigkeit stimmen würde. „Dennoch sollte man den Menschen das Selbstbestimmungsrecht geben“, meint Ballano.

So denkt auch das linke Parteienbündnis „Catalunya si que es Pot“ („Katalonien, ja, wir können das“), dem sie ihre Stimme gegeben hat. Seit etwa einem Jahr arbeitet Katia Ballano in einem Online-Marketingunternehmen in Barcelona. In ihrem Stadtviertel Taxonera sind die meisten wie sie zugezogen. Die Einwohner sprechen Spanisch, nicht Katalanisch. In Ballanos Wahllokal, dem Centre Civic Taxonera, kommen die Menschen nicht in „Esteladas“ gehüllt zur Wahl.

Dass die Separatisten hier nur wenige Anhänger finden, wundert Ballano kaum. „Die Separatisten spalten die Gesellschaft in gute und schlechte Katalanen auf und bemühen sich nicht einmal um eine integrierende Botschaft. Sie versuchen nicht einmal die Leute zu erreichen, die nicht unbedingt für die Unabhängigkeit sind. Sie geben mir das Gefühl, in der neuen Gesellschaft, die sie aufbauen wollen, nicht Willkommen zu sein“, versichert die Spanierin.

So fühlen sich nicht wenige Menschen in Katalonien. Ob sie eine Mehrheit sind, wird sich am Sonntagabend nach Auszählung der Stimmen zeigen. Jetzt hängt alles von einer Million Wählern ab, die noch nicht wissen, welcher Seite sie ihre Stimme geben wollen. Am heutigen Sonntag werden sich die Mehrheitsverhältnisse bei den plebiszitären Regionalwahlen zeigen.