Western-Union-Chef: Transaktionen durch Flüchtlingskrise gestiegen

New York/Denver (Colorado)/Wien (APA) - Auf den ersten Blick könnte man Hikmet Ersek als eine Art Kriegsgewinnler bezeichnen. Als Chef des a...

New York/Denver (Colorado)/Wien (APA) - Auf den ersten Blick könnte man Hikmet Ersek als eine Art Kriegsgewinnler bezeichnen. Als Chef des auf Geldtransfers spezialisierten Finanzkonzerns Western Union weiß der Österreicher mit türkischen Wurzeln, der in den USA die große Karriere machte, nämlich ganz genau: Durch die Flüchtlingskrise ist die Zahl der Transaktionen „sprunghaft angestiegen“.

Profitieren wird das 165 Jahre „junge“ Unternehmen (Zitat Ersek), dessen Erfolgsrun in der Gründerzeit des Wilden Westens mit dem Bau von Telegrafenleitungen begann, aber maximal längerfristig davon. Derzeit verlangt Western Union nämlich beispielsweise keine Gebühren für Transaktionen nach Syrien. Syrische Flüchtlinge können ihren Verwandten kostenlos Geld schicken. Und umgekehrt. Anhand der Überweisungen („Es handelt sich meist um kleine Beträge, im Schnitt 300 Dollar pro Transaktion“) ist Western Union auch immer gut über die aktuellen Migrationsströme informiert.

Nicht zuletzt deshalb weiß er - obwohl er meist am Hauptsitz von Western Union in Denver (Colorado) beschäftigt ist - auch genau Bescheid, was sich in den vergangen Wochen in Österreich, etwa in Nickelsdorf, abgespielt hat. Dazu kommen Informationen von Verwandten, die er in Österreich noch hat. Seine Schwägerin - eine Ärztin, die einst selbst vor dem Militärregime von General Augusto Pinochet aus Chile flüchtete - habe zuletzt selbst am Bahnhof Schutzsuchende betreut. Und die Mitarbeiter von Western Union in Österreich bekamen frei, wenn sie sich als Helfer engagieren wollten.

Der 1960 in Istanbul geborene Manager, der in Österreich aufwuchs und dort eine Weile als Basketballprofi aktiv war, hat selbst gespürt, was es heißt, ein Fremder zu sein. In Österreich sei er nach Nennung seines Namen immer in brüchigem Gastarbeiter-Deutsch angesprochen worden, erzählte er am gestrigen Samstag bei einem Besuch von Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) im Western-Union-Büro in New York. Dabei beherrschte der Spross einer türkischen Akademikerfamilie die Sprache seines Gastlandes möglicherweise besser als sein österreichisches Gegenüber. Damals zumindest. Heute klingt sie bereits ein wenig nach Arnold Schwarzenegger.

Amerika sei aber eben etwas anders: „Da wirst Du nicht gefragt, woher kommst Du? Sondern, was kannst Du?“ Dennoch sind auch die USA nicht das kritiklos gelobte Land, weiß Ersek. Dass US-Präsident Barack Obama gerade einmal 10.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen will, findet er schlicht „lächerlich“. Aber auch Europa sollte sich nicht abschotten, sondern erkennen, dass es Migranten nicht zuletzt wegen der demografischen Kurve dringend nötig hat. Schließlich müsse eine überalternde Gesellschaft auch irgendwie für die Pension vorsorgen.

In diesem Punkt sind sich der betont weltoffene Ersek und Kurz, der an sich zur UNO-Vollversammlung in New York weilt, nicht ganz einig. „Wir müssen uns schon anschauen, wer da kommt“, meint der Außenminister angesichts der Migrationsströme aus dem islamischen Raum. Prinzipiell überwiegt aber die gegenseitige Hochachtung. „Österreich ist stolz auf Sie“, meinte Kurz am Samstag angesichts der Erfolgsgeschichte des um 26 Jahre älteren Gastarbeiterkindes, das sich den „American Dream“ verwirklichte. Ersek wiederum erwähnt gegenüber hohen US-Politikern oft, dass sein zweites Heimatland Österreich in Sachen Integrationspolitik in den vergangenen Jahren „vorbildhafte Schritte“ unternommen habe. Sagt er selbst. Da habe sich seit seiner Jugend viel verändert. Und mit Kurz steht er deshalb sehr oft in Kontakt.

Und eines ist Ersek im Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingskrise auch ganz wichtig. Sein Unternehmen schaue ganz genau darauf, dass es keinen Betrag zur Geldwäsche oder im konkreten Fall zur Unterstützung islamistischen Terrors in Syrien oder dem Irak leise. So flott die Überweisungen auch vonstattengehen, so genau würden sie überprüft. „Wir zahlen dafür allein 250 Millionen Dollar pro Jahr. Aber 99,9 Prozent haben einen guten Zweck.“

Ersek arbeitet seit 1999 für Western Union. Zuvor arbeitete er als leitender Angestellter bei GE Capital und in Wien bei Europay/Mastercard. Die Western Union Company gehört zu den führenden Unternehmen für den weltweiten Zahlungsverkehr. 2014 wurden weltweit rund 255 Millionen Transaktionen zwischen Privatpersonen durchgeführt und damit 85 Milliarden US-Dollar transferiert. Zudem wurden 484 Millionen geschäftliche Transaktionen veranlasst.