Wagner‘sche Buchhandlung: Ein Wagnis, das sich rechnen soll
Markus Renk und Markus Hatzer sind die neuen Besitzer der Wagner’schen Buchhandlung, die am 1. Oktober wiedereröffnet wird.
Innsbruck – Die Wagner’sche Buchhandlung ist Tirols ältestes Buchgeschäft. Im Mai dieses Jahres wurde bekannt, dass Markus Renk, langjähriger Tyrolia-Geschäftsführer, und der Verleger der Haymon-Gruppe, Markus Hatzer, das Traditionshaus in der Innsbrucker Museumstraße übernehmen werden. Seit 2006 gehörte die Wagner’sche zu der Handelskette Thalia. Was die beiden mit der altehrwürdigen Buchhandlung vorhaben, erzählen Renk und Hatzer im TT-Gespräch.
Glaubt man den Propheten der Branche, gibt es im Jahr 2015 wenig Unzeitgemäßeres als den Kauf und die Neugründung einer Buchhandlung.
Markus Renk: Wie bei jeder kaufmännischen Unternehmung gibt es unbestritten ein gewisses Risiko. Aber ein kalkulierbares. Wenn man sich von den lautstarken Abgesängen nicht ablenken lässt und genauer hinschaut, ist es so, dass es im Moment eine Renaissance des oft totgesagten stationären Buchhandels gibt. Gerade wenn es sich dabei um Einzelunternehmen handelt, die schnell und kreativ auf die Gegebenheiten des Marktes reagieren können. Wenn man diese Vorteile nützt, ist man auch im Vergleich mit Online-Anbietern im Vorteil.
Noch vor gut einem Jahrzehnt war es gang und gäbe, dass Traditionsbuchhandlungen als Filialen in Handelsketten eingegliedert wurden. Im Falle der Wagner’schen war es Thalia. Ist dieses Modell inzwischen gescheitert?
Markus Hatzer: Man sollte in diesem Fall nicht verallgemeinern, aber auch wenn man nach Amerika schaut, lässt sich der Trend erkennen, dass die großen Ketten ihre Handelsflächen verringern. So entsteht zwischen den ganz kleinen Buchläden und den großen Filialen Platz für inhabergeführte Geschäfte, die individueller auf Kundenwünsche eingehen und trotzdem ein umfangreiches Sortiment anbieten können.
Renk: Natürlich wurden im Buchhandel in den vergangenen Jahren auch Fehler gemacht. Trotzdem: Das Umsatzvolumen der Branche ist im Großen und Ganzen stabil geblieben. Verändert haben sich die Verteilung dieser Umsätze und die Vertriebswege. Darauf wurde mancherorts panisch reagiert. Vielfach wurde versucht, den Rückgang im stationären Buchhandel durch andere Angebote, das so genannte Non-Book-Sortiment, aufzufangen. Was zur Folge hatte, dass die Geschäfte in ihrer Kernkompetenz verloren haben – und plötzlich Dinge verkaufen sollten, mit denen sie sich kaum auskannten. Als der Geschäftsführer einer großen Kette erklärte, dass der Buchhandel, aus welchen Gründen auch immer, um 30 Prozent einbrechen würde, wurden 30 Prozent der Verkaufsfläche leergeräumt und anders bestückt. Danach haben sich alle gewundert, dass der Buchhandel tatsächlich eingebrochen ist.
Das heißt, in der neuen Wagner’schen wird es keine Non-Books, sprich DVDs, CDs oder Spielzeug, mehr geben?
Renk: Davon wollen wir weg und uns auf das besinnen, was wir wirklich können. Die Stärke einer Buchhandlung liegt in ihrem Sortiment und in den Mitarbeitern. Wenn man beginnt, das Sortiment auszudünnen und Mitarbeiter dauernd sagen müssen, dass der gewünschte Titel nicht vorrätig ist, braucht sich niemand zu wundern, wenn die Kunden ins Internet gehen.
Über das genaue Konzept der Buchhandlung ist noch wenig bekannt.
Renk: Es hätte wenig Sinn gemacht, bereits im Mai, als der Deal mit Thalia über die Bühne ging, darüber zu reden. Jetzt, wo die neue Wagner’sche Gestalt annimmt, ist das etwas anderes.
Also, abgesehen von einem umfangreicheren Sortiment, was darf man von Tirols neuer ältester Buchhandlung erwarten?
Renk: Nun, zunächst einmal das, was die Wagner’sche schon früher ausgemacht hat: ein Schwerpunkt auf Literatur und Fachbücher, auch für Musik. Schließlich entsteht ja wenige Schritte von der Buchhandlung entfernt das neue Haus der Musik. Ein dritter Schwerpunkt liegt auf Kulinarik. Ein Thema, das auch durch unser Gastro-Konzept, unser „lebendiges Kochbuch“, unterstrichen wird.
In der Buchhandlung soll also nicht nur geschmökert, sondern auch geschmatzt werden?
Renk: Im ersten Stock entsteht derzeit das nach dem Gründungsjahr der Buchhandlung benannte Bistro „1639. Die Meirerei“, das Nina Rettenbacher, die zuletzt mit dem „Crumble“ das Wiltener Platzl wiederbelebt hat, leiten wird.
Ein weiterer Neuzugang, Ihr Bruder Robert Renk, der seit Jahren zu den umtriebigsten Literaturvermittlern Tirols zählt, lässt vermuten, dass die „Wagner’sche“ auch als Veranstaltungsort etabliert werden soll.
Renk: Wir wollen unsere Nische im Tiroler Literaturkalender finden. Mit Robert, aber auch mit Boris Schön haben wir Mitarbeiter, die in diesem Bereich Erfahrung haben. Den Auftakt macht am 22. Oktober Michael Köhlmeier, der sein aktuelles Buch „Das Lied vom Riesen“ präsentieren wird. Zwei Tage später liest Christoph W. Bauer.
Darf man fragen, was der Kauf der Wagner’schen gekostet hat?
Renk (lacht) : Zu viel.
Hatzer: Es war eine große Investition. Und ich bin überzeugt, dass es auch eine gute Investition ist. Mit dem Buchhandel wird man genauso wenig reich wie mit einem Verlag. Aber als Verleger bin ich davon überzeugt, dass der stationäre Buchhandel noch immer unser wichtigster Vertriebspartner ist. Wenn ich also in den Buchhandel investiere, investiere ich in die Zukunft des Buches. Und das bringt auch ganz pragmatische Vorteile: Ich bekomme ganz direkte Rückmeldungen darüber, was auf dem Markt funktioniert, und kann sofort darauf reagieren. Das kann kein Marktforschungsinstitut leisten. Außerdem ist es ein wichtiges Zeichen an andere Buchhändler, wenn sich ein Verlag zu seinen wichtigsten Partnern bekennt.
Noch eine Frage zur Arbeitsaufteilung: Stimmt es, dass Sie, Herr Renk, die Geschäfte führen werden, während Markus Hatzer eher im Hintergrund agieren soll?
Renk: Ich würde nicht „im Hintergrund“ sagen. Wir sind Partner. Ja, ich bin alleiniger Geschäftsführer der Wagner’schen und erfülle mir damit einen Traum. Aber es wird regelmäßige Vieraugengespräche mit Markus geben. Ohne sein Fachwissen und kaufmännisches Gespür wäre das, was wir mit der Buchhandlung vorhaben, nicht umsetzbar.
Selbst in sagen wir einmal „literaturfernen“ Kreisen wurde die Nachricht Ihrer Wagner’schen-Übernahme mit großer Euphorie aufgenommen. Erhöht diese Erwartungshaltung auch den Druck?
Renk: Natürlich kann man nicht allen Erwartungen gerecht werden: Es wird Kunden geben, die die „alte“ Wagner’sche auch weiterhin vermissen werden. Aber die allgemeine Aufbruchsstimmung bestärkt uns fraglos. Wir wollen die Zeit ja nicht zurückdrehen: Natürlich wird es einen Online-Shop mit rund sechs Millionen lieferbaren Titeln geben. Das sind nachweislich mehr als bei Amazon.
Das Gespräch führte Joachim Leitner