Neue Klangerlebnisse zwischen Hertz und Herz
Mit einem glänzenden Statement junger Talente ging das Klangspuren-Festival zu Ende – Ausblick auf 2016.
Von Ursula Strohal
Schwaz –„Stimmungen“ durchzogen das diesjährige Klangspuren-Festival, programmatisch eng gewoben und horizonterweiternd bis zu den letzten Konzerten. Die Inhalte waren nicht einfach, die Einführungsgespräche umso dienlicher. In ihrem Resümee spricht die Festivalleitung von einer „außerordentlich positiven Publikumsresonanz“ und zählte in den 24, mit Pilgerwanderung 37, Konzerten ca. 4200 Besucher. 38 junge Talente aus 19 Ländern nahmen an der 12. Akademie des Ensemble Modern teil.
Klangspuren 2016 findet vom 8. bis 25. September 2016 unter dem Motto „Junge Sterne – Klingende Cartoons“ statt. Composer in Residence wird Enno Poppe sein.
Zurück aus der Zukunft: Das Finale am Sonntag gehörte dem äußerst beeindruckenden Ensemble konsTellation, Studenten des Tiroler Landeskonservatoriums, die unter Ivana Pristasovas nimmermüder Leitung professionelles Niveau erreichen. Beat Furrer, heuer Composer in Residence, war noch einmal zugegen, sein mit Raum und Sprache arbeitendes Stück „antichesis“ fordert Spieler und Zuhörer. Ohne eiserne Konzentration geht auch Giacinto Scelsis Eintonmusik in ihren subtilen Umspielungsformen nicht auf. „Natura renovatur“ (1967!) war ein wunderbares Beispiel, wie sie gelingen kann.
Manu Delago hatte in der Uraufführung seines im Titel eine Geschichte erzählenden Stückes „Newton’s Rainbow“ mit seinem Hang und dem Sarod-Spieler Soumik Datta rasch die Jungen und Noch-Jungen auf seiner Seite. Sein ebenso raffinierter wie emotionaler, heißer wie lyrischer Gang durch die Stile, der den Hangklangrhythmus von dem indischen Lauteninstrument beantworten und dem Streichorchester umspülen lässt, wird wohl ein Repertoirestück. Schließlich die „Symphonie für leere Saiten“ des Niederländers Louis Andriessen, der die 48 Saiten der 12 Streicher für akustisches Neuland umstimmen lässt. Das Ensemble konsTellation hat das alles glänzend vermittelt.
Stimmungen – hertzaufweichend und doch auch herzerweichend. Vor dem klingenden Eindruck geht es um Theorie. Musik ist Physik, ist Mathematik. Musiker können sie zum Klingen bringen, dann ist sie, flüchtig wie der Schmetterling, auch schon wieder weg. In Schwaz erfuhren die Zuhörer, wie sehr es sich lohnt, sich mit der Raupe zu befassen. Das neuere europäische System teilt die Oktave in gleich lange Abschnitte ein. Doch es gibt mehr Möglichkeiten, auch im Obertonbereich, veränderte Anordnungen und insgesamt zahllose alternative Ton- und Stimmungssysteme. Der Schweizer Komponist Edu Haubensak hat zehn Klaviere in zehn Tonsystemen stimmen lassen und zwei davon für das Abschlusskonzert mitgebracht, faszinierend vorgeführt von Simone Keller. Viele Stimmungsmodelle durfte man heuer erleben, verwandelt in neue Hörerlebnisse – erstaunlich, wie sich unser tradiertes System dabei relativierte.
Klangspuren 2015 ist noch nicht ganz Geschichte: Als Teil des österreichischen Kulturprogramms zur Expo Milano 2015 präsentieren das Tirolerfestival für Neue Musik und Milano Musica am 16. Oktober das fast identische Programm, mit dem das österreichische ensemble für neue musik vor ein paar Tagen in Schwaz begeistert hatte. Und noch bis 7. November ist vor der Schwazer Pfarrkirche die Klanginstallation des kanadischen Künstlers Gordon Monahan zu sehen: ein altes Klavier, das sich auf geheimnisvolle Weise selbst zuhört.