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Dieselskandal bringt Volkswagen an finanzielle Grenzen

Die Rechnung wird hoch: Auf Volkswagen rollen wegen des Abgas-Skandals nicht nur hohe Strafzahlungen zu. Hinzu kommen wahrscheinlich auch Schadensersatzklagen von Anlegern und Autobesitzern in Milliardenhöhe in den USA, wo die Manipulationen bekannt wurden.

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© APA/dpa/Jochen Lübke

Hamburg/Wolfsburg - Nicht nur in den USA, wo die Manipulationen bekannt wurden kommen auf Volkswagen Strafzahlungen in Milliardenhöhe zu, auch in Deutschland sammeln Anwälte Munition, um den weltgrößten Autobauer wegen des Kursverlusts der Aktien und Wertminderungen von Autos zu verklagen. In Spanien zahlt VW Subventionen zurück. Spanien hatte Verbraucher beim Kauf eines schadstoffarmen Autos mit 1.000 Euro je Fahrzeug unterstützt. Wegen des Imageschadens muss sich der Konzern nach Meinung von Experten außerdem auf einen Absatzrückgang einstellen. „Da türmt sich ein Berg an finanziellen Lasten auf, den zurzeit niemand genau abschätzen kann“, sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. „Das wird VW eine zweistellige Milliardensumme kosten.“

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Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) schätzt den Gesamtschaden auf bis zu 47 Mrd. Euro. Dabei gehen die Analysten allein in den USA von 16 Mrd. Euro für Strafzahlungen und weiteren 10 Mrd. Euro an Kosten für den Rückkauf beanstandeter Fahrzeuge aus. Dem gegenüber stehen nach Berechnungen der Analysten 60 bis 65 Mrd. Euro, die der Konzern durch Einsparungen, eine Kapitalerhöhung und den Verkauf von Geschäftsfeldern oder einzelnen Marken mobilisieren könnte. „Entscheidend ist, dass endlich Klarheit geschaffen wird, was das Ganze kosten wird“, sagt Arnd Ellinghorst von Evercore ISI in London. „Wenn es 20 oder 30 Mrd. sind, die kann VW verkraften. Was das Unternehmen aber nicht verkraftet kann, ist die momentane Verunsicherung der Investoren.“

Ran an die Reserven

Volkswagen hatte zugegeben, Dieselautos mit einer Software ausgestattet zu haben, die Abgaswerte manipuliert. Weltweit sollen elf Millionen Fahrzeuge mit einer Abschalteinrichtung ausgestattet sein, die die Messwerte auf dem Prüfstand frisiert, die Leistung der Motoren auf der Straße aber nicht drosselt. Allein für den voraussichtlich millionenfachen Rückruf der Autos hat Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch 6,5 Mrd. Euro zur Seite gelegt.

Um weiteres Geld zu mobilisieren, das nötig sein dürfte, um die enormen Lasten des Skandals zu schultern, muss der Konzern wohl auch seine Reserven angreifen. Dank der zurückliegenden „fetten“ Jahre verfügen die Wolfsburger über eine üppiges Finanzpolster. In den Büchern standen zur Jahresmitte fast 18 Mrd. Euro Bargeld und Wertpapiere im Wert von weiteren gut 15 Mrd. Euro. Insgesamt also 33 Mrd. Euro. Rund die Hälfte davon sollte VW nach Meinung von Frank Schwope von der NordLB in der Hinterhand behalten, um jederzeit zahlungsfähig zu sein. Dann blieben rund 17 Mrd. Euro, die der Konzern zur Bewältigung der Krise locker machen könnte. Hinzu kommen die Einnahmen aus dem Verkauf der Beteiligung an Suzuki und der Anteile am Leasinganbieter und Flottenmanager LeasePlan : zusammen gut 5 Mrd. Euro.

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Durch die Ausgabe von Vorzugsaktien könne VW weitere etwa 8 Mrd. Euro einnehmen, sagt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Volkswagen hat aktuell 180 Millionen stimmrechtslose Vorzugsaktien und 295 Millionen Stammaktien im Umlauf. Maximal die Differenz von 115 Millionen Papieren kann der Konzern ausgeben, wenn die Stammaktionäre - die Familien Piech und Porsche und das Land Niedersachsen - nicht mitziehen sollten.

„VW ist Systemrelevant“

Falls noch mehr Geld gebraucht würde, könnte VW nach Ansicht der Analysten auch bei den Investitionen vom Gas gehen. Der Autobauer hat sich im laufenden Fünf-Jahresplan Ausgaben von mehr als 100 Mrd. Euro für neue Werke und Technologien vorgenommen. Zehn Prozent davon könnten gekürzt werden, da VW seine Kapazitäten wegen des Abgas-Skandals sicherlich nicht so stark ausbauen muss wie geplant, sagt Analyst Schwope. Das wären weitere 2 Mrd. Euro im Jahr.

Den dicksten Brocken aber sehen Schwope und Pieper im Verkauf von Marken oder Geschäftsfeldern. Pieper schätzt etwa den Wert der Lkw-Sparte aus den beiden VW-Töchtern MAN auf 30 Mrd. Euro. Zusammen mit weiteren Einsparungen und der vorhandenen Liquidität kommt Pieper auf mindestens 60 Mrd. Euro, die Volkswagen mobilisieren könnte. Schwope hält bis zu 65 Mrd. Euro für möglich, wenn VW sich auch noch von Luxusmarken wie Lamborghini, Bugatti oder Bentley und dem italienischen Motorradbauer Ducati trennt und auch sein Sponsoring im Fußball und Motorsport zurückfährt.

Sollte es trotzdem immer noch eng für VW werden, könnte womöglich noch der Staat einspringen müssen. „VW ist systemrelevant“, sagte der auf Kapitalmarktrecht spezialisierte Rechtsanwalt Andreas Tilp, dessen Kanzlei möglicherweise im Auftrag von VW-Aktionären Klagen gegen das Unternehmen anstrengen wird. Denn mit weltweit 600.000 Mitarbeitern und der Beteiligung des Landes Niedersachsen sei der Wolfsburger Konzern ebenso wichtig für die deutsche Wirtschaft wie die vor wenigen Jahren vor der Krise geretteten Banken. (APA/Reuters)


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