Provozieren und Leugnen: Linguistin zeigt Bausteine rechter Rhetorik

Wien (APA) - Nicht nur in Österreich, in ganz Europa sind rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch. Was vor Jahrzehnten noch Randersch...

Wien (APA) - Nicht nur in Österreich, in ganz Europa sind rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch. Was vor Jahrzehnten noch Randerscheinung war, ist heute in der Mitte der Gesellschaft und vor allem in den Medien angekommen. In ihrem neuen Buch „Politics of Fear“ untersucht Linguistin Ruth Wodak die Bausteine der rechten Rhetorik: „Der Erfolg beruht auf Performance-Strategien“, ist sie überzeugt.

Erfolgreich ist die rechte Kommunikation vor allem aufgrund des „Rechtspopulisten-Perpetuum mobile“, argumentiert Wodak. Parteien wie die FPÖ in Österreich, die in dem Buch einen prominenten Platz einnimmt, oder die niederländische Partij voor de Vrijheid von Geert Wilders provozieren absichtlich Skandale, indem sie gesellschaftlich anerkannte Normen verletzen.

Als Beispiel führt die emeritierte Sprachwissenschafterin von der Uni Wien und der Lancaster University (Großbritannien) etwa jene Karikatur an, die FPÖ-Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte - sie zeigte das Volk vor leeren Tellern, während die Regierung Banken, symbolisiert durch einen wohlbeleibten Mann, bewirtete. In Straches Version waren am Ärmel des Bankers Manschettenknöpfe zu sehen, die an Davidsterne erinnerten - was ihm den Vorwurf des Antisemitismus einbrachte.

„Auf diese Art und Weise bringt man Medien in eine No-Win-Situation: Wenn sie etwa eine rassistische Bemerkung oder Unterstellung nicht berichten, könnte das als Gutheißung ausgelegt werden. Wenn sie darüber berichten, reproduzieren sie das Vorurteil und verteilen es so weiter. Wenn sie den Politiker kritisch interviewen, geben sie ihm mehr Präsenz und die Möglichkeit, sich selbst als Opfer darzustellen“, folgert Wodak.

So geschehen auch bei Strache: Als die Karikatur thematisiert wurde, leugnete er, dass Davidsterne zu sehen seien oder die Karikatur antisemitisch sei. Der nächste Schritt des Perpetuum mobile ist laut Wodak die Täter-Opfer-Umkehr. Die Politiker sehen sich selbst ungerechtfertigt verfolgt und Vorwürfen ausgesetzt. Diese Interpretation wird dramatisiert und übertrieben. Häufig wird zudem das Argument der Meinungsfreiheit eingebracht, auch eine Verschwörung gegen den rechtspopulistischen Politiker wird gerne in den Raum gestellt. In manchen Fällen folge eine „Quasi-Entschuldigung“ - die Aussagen seien falsch verstanden worden.

„Das alles triggert eine vorhersehbare Dynamik, die rechtspopulistischen Politikern erlaubt, Themen vorzugeben und Medien und Öffentlichkeit von anderen wichtigen Nachrichten abzulenken.“ Ebbt der Skandal ab, wird daher gerne ein neuer provoziert. Tabus gebe es dabei kaum mehr welche - Politiker würden nach dem Prinzip „Alles geht!“ leben. Straches Karikaturencausa sei jedoch auch ein gutes Beispiel für die „kalkulierte Ambivalenz“, die der 2008 verstorbene langjährige FPÖ-Chef Jörg Haider als Stilmittel der Rechtspopulisten endgültig etablierte.

Denn mit seinem Posting spreche er sowohl Menschen mit tatsächlichen Vorurteilen an als auch jene, die von Zufall und der ungerechtfertigten Verfolgung des Spitzenkandidaten ausgehen würden. Haider habe diese Technik mit vagen Antworten, die viel Spielraum für Interpretationen zuließen, perfektioniert. Grundsätzlich könne Haider mit seiner Performance, seinem Stil, seiner Rhetorik und seinen Ideologien als „Symbol für den Erfolg dieser Parteien“ quer durch Europa angesehen werden.

„Die FPÖ hat den Weg für die Verbreitung einer neuen, meistens codiert fremdenfeindlichen, rassistischen und antisemitischen, ausschließenden und anti-elitären Politik geebnet“, zeigte sich die Sprachwissenschafterin überzeugt. Es folgte die „Haiderisierung“ Europas, die Wodak anhand vieler Beispiele und mit Ausflug zur „Tea Party“ in die USA zeichnet. Ein Glossar am Schluss listet europäische Rechtspopulisten und ihre Erfolge - bis 2014 - auf.

Aber nicht nur die Rhetorik, auch der Inhalt macht neben Faktoren wie Wirtschaftskrise oder Renationalisierungstendenzen laut der Wissenschafterin den Erfolg der Rechtspopulisten aus. Denn diese reüssieren mit Konstruktionen des Fremden, die Angst hervorrufen sollen. „Alle Rechtspopulisten nutzen eine gewisse ethnische, religiöse, linguistische oder politische Minderheit als Sündenbock für die meisten, wenn nicht alle aktuellen Probleme und konstruieren daraus eine Gefährdung durch diese Gruppe und eine Bedrohung von ‚uns‘ oder ‚unserer‘ Nation“, so die Linguistin. Dieses Phänomen könne man als „Politik der Angst“ zusammenfassen.

Unterstützt werde der Erfolg durch ausgeklügelte Medienarbeit und die Nutzung neuer Medien sowie durch „Branding“. Rechtspopulistische Politiker präsentieren sich nicht nur gerne als fesch, jugendlich und gut angezogen, sondern machen sich - wie im Fall Straches - auch gerne zu Marken, die abgeändert werden können, um verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Strache sei ein Paradebeispiel für einen „jungen, demagogischen, erfolgreichen und charismatischen“ männlichen rechtspopulistischen Spitzenkandidaten. Betonung hier durchaus auf männlich - ein Kapitel widmet die Linguistin auch den Geschlechterdiskursen dieser Parteien.

Auch Lösungsansätze hat Wodak: Um nicht in „die Falle“ der Rechtspopulisten zu tappen, brauche es alternative Berichterstattung, die sich nicht auf Skandale, sondern auf die Dekonstruktion solcher Politiker konzentriere. „Anstatt immer ungeheuerlichere Äußerungen hervorzuheben, wäre es klüger, die Dynamik sowie die Intention der Politiker herauszuarbeiten - nämlich das Ziel, es auf die Titelseiten zu schaffen, koste es, was es wolle.“

(S E R V I C E - Ruth Wodak: „The Politics of Fear. What Right-Wing Populist Discourses Mean, SAGE Publications, 256 Seiten, 23.99 Pfund (ca. 32 Euro), ISBN: 978-144-624-7006)


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