Deutsche Bank rutscht nach Rekordverlusten in tiefrote Zahlen

Nach Rekordverlusten stehen auch Boni und Dividenden und Boni auf dem Prüfstand.

Deutschlands größtes Geldhaus und andere Banken hatten den Fall für sich 2013 mit einem Vergleich mit der EU-Kommission abgeschlossen.
© Keystone

Frankfurt – Die Deutsche Bank erwartet wegen gigantischer Abschreibungen für das dritte Quartal einen Rekordverlust und stimmt auf weitere Belastungen ein. Unter dem Strich dürfte ein Minus von 6,2 Milliarden Euro stehen, kündigte der Frankfurter Dax-Konzern überraschend am Mittwochabend an. Für die ersten neun Monaten 2015 rechnet die Bank mit 4,8 Milliarden Euro Verlust. Tiefrote Zahlen und Sparkurs werden auch die Aktionäre zu spüren bekommen. Die Bank kündigte an, die Dividende für das Geschäftsjahr 2015 zu reduzieren oder ganz ausfallen zu lassen. Es wäre das erste Jahr seit den 1950er Jahren ohne Gewinnausschüttung der Bank.

Milliarden-Abschreibungen notwendig

Den gewaltigen Verlust erklärte die Bank in erster Linie mit drei Faktoren, die sich auf rund 7,6 Milliarden Euro addieren. Allein auf den Geschäfts- und Firmenwert im Privatkundengeschäft sowie im Investmentbanking schreibt der Konzern rund 5,8 Milliarden Euro ab.In diesen Bereichen will Cryan, der die Bank nach der Hauptversammlung im Mai 2016 alleine führen soll, besonders stark umbauen und sparen. Dabei reduziert die Deutsche Bank auch den Wert der Tochter Postbank, von der sie sich im kommenden Jahr trennen will. Weitere 600 Millionen Euro wird das größte deutsche Geldhaus auf ihre knapp 20-prozentige Beteiligung an der chinesischen Bank Hua Xia abschreiben, die nun ebenfalls veräußert werden soll.

Altlasten beschäftigen Bank noch lange

Hinzu kommen weitere Rückstellungen von rund 1,2 Milliarden Euro für die zahlreichen Rechtsstreitigkeiten. Diese Altlasten dürften die Bank Cryans Einschätzung noch lange beschäftigen. Er rechne damit, „dass Kosten und Belastungen aus Rechtsstreitigkeiten uns auch in zukünftigen Quartalen weiter belasten werden“, bekräftigte der Brite.

Designierter Deutsche Bank-Chef John Cryan
© Reuters

Der ehemalige UBS-Finanzchef Cryan hatte zum 1. Juli Anshu Jain an der Führungsspitze der Bank abgelöst. Der zweite Co-Chef, Jürgen Fitschen, bleibt noch bis zur Hauptversammlung im Mai 2016 im Amt, ehe der Brite allein das Ruder übernimmt.

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Noch in Jains Amtszeit hatte die Bank im April beschlossen, sich von der Postbank zu trennen und rund ein Drittel der 700 eigenen Filialen zu schließen. Daran will Cryan festhalten, wie er kurz nach seinem Amtsantritt ankündigte. Er hatte diese Entscheidungen als Mitglied des Deutsche-Bank-Aufsichtsrats mit beschlossen. Analysten und Investoren vermissten jedoch den großen Befreiungsschlag.

Feingeist und Sanierer

Seinen Ruf als Sanierer hat sich der neue starke Mann an der Deutschen-Bank-Spitze bei der Konkurrenz erworben. John Cryan wirkte als Finanzchef der UBS maßgeblich am Umbau des Schweizer Finanzriesen mit, räumte unter anderem Giftpapiere aus der Bilanz. 2013 holte Aufsichtsratschef Paul Achleitner den Finanzprofi ins Kontrollgremium der Deutschen Bank.

Als die Bank Anfang Juni 2015 in höchster Not den Machtwechsel beschloss, machte man den 54-jährigen Briten, der als messerscharfer Analytiker gilt, zum Nachfolger von Co-Chef Anshu Jain. Der privat als unprätentiös geltende Opernliebhaber ist mit einer Amerikanerin verheiratet. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Anshu Jain soll Cryan auch gut Deutsch sprechen.

Am 16. Dezember 1960 im nordostenglischen Heilbad Harrogate geboren, studierte Cryan an der Universität Cambridge (1979-1982) und begann 1982 seine berufliche Karriere bei den Wirtschaftsprüfern von Arthur Andersen in London. (APA. Reuters, dpa)

Juristische Baustellen

  • LIBOR/EURIBOR: Über Jahre manipulierten Mitarbeiter mehrerer Großbanken die wichtigen Referenzzinsen für das Geldgeschäft der Banken untereinander. Auch einige Deutsche-Bank-Mitarbeiter machten mit. Ende 2013 brummte die EU-Kommission dem deutschen Branchenprimus deshalb eine Strafe von 725 Mio. Euro auf. Im April 2015 legten die Behörden in den USA und Großbritannien nach: Dort muss die Bank die Rekordstrafe von 2,5 Mrd. Dollar (aktuell 2,2 Mrd. Euro) zahlen. Es laufen noch Zivilverfahren, bei denen Unternehmen und Privatleuten Schadensersatz durchsetzen wollen.
  • USA: US-Behörden gehen wegen Hypothekengeschäften aus Zeiten vor der Finanzkrise ebenso hart gegen Banken vor wie wegen Geschäften mit "Schurkenstaaten" wie Sudan und Iran. Die BNP Paribas bekam für Verstöße gegen US-Sanktionen umgerechnet fast 6,6 Mrd. Euro Strafe aufgebrummt. Auch gegen die Deutsche Bank wird ermittelt.
  • DEVISEN/ROHSTOFFE: Weltweit laufen Ermittlungen wegen mutmaßlicher Manipulationen wichtiger Kennzahlen - von Devisenkursen bis hin zu Preisen von Gold und Silber. Zu diesen Themen sind in den USA Sammelklagen anhängig, in denen auch die Deutsche Bank Beklagte ist.
  • KIRCH: Die im Februar 2014 vereinbarte 925-Millionen-Euro-Zahlung an die Kirch-Erben sollte das Kapitel um die Mitverantwortung der Bank für die Pleite des Medienkonzerns 2002 endlich abschließen. Doch die Münchner Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen Co-Chef Jürgen Fitschen und vier ehemalige Topmanager des Frankfurter Geldhauses. Sie wirft den Bankern versuchten Prozessbetrug vor: Die Manager sollen im Zivilverfahren um Kirchs Schadenersatzforderungen versucht haben, die Richter zu täuschen, um Zahlungen der Bank zu verhindern. Die Angeklagten bestreiten dies, seit Ende April läuft der Prozess.
  • RUSSLAND: In der Moskauer Handelssparte soll es unsaubere Geschäfte gegeben haben. Behörden gehen seit einigen Monaten dem Verdacht auf Geldwäsche und möglicherweise Sanktionsverstößen nach. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg geht es dabei um Transaktionen in Moskau und London über möglicherweise rund sechs Milliarden Dollar. Die Bank selbst erklärt in ihrem jüngsten Quartalsbericht, sie führe Untersuchungen durch "im Zusammenhang mit Aktienhandelsgeschäften zwischen Kunden und der Deutschen Bank in Moskau und London, die sich gegenseitig entsprochen haben". Das Gesamtvolumen der zu untersuchenden Transaktionen sei "erheblich".

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