Russischer Manager wegen Anstiftung zum Mord in Auslieferungshaft

Wien/Moskau (APA) - Der Ex-Generaldirektor eines staatseigenen russischen Unternehmens sitzt seit über sechs Monaten in Wien in Auslieferung...

Wien/Moskau (APA) - Der Ex-Generaldirektor eines staatseigenen russischen Unternehmens sitzt seit über sechs Monaten in Wien in Auslieferungshaft, weil ihm die russischen Behörden schweren Betrug und Anstiftung zum Mord in zwei Fällen vorwerfen. Am 20. Oktober entscheidet das Wiener Oberlandesgericht (OLG), ob dem Auslieferungsersuchen stattgegeben wird, das in erster Instanz bereits für zulässig erklärt wurde.

Die Sache ist nicht zuletzt deshalb brisant, weil die Ausführung beider Mordanschläge einer Mafia-Gruppierung zugeschrieben werden, an deren Spitze Aslan G. stehen soll. Der 45-jährige mutmaßliche Sechsfachmörder wurde - wie mehrfach berichtet - Mitte Jänner in Wien festgenommen. Heimische Zielfahnder schnappten ihn am Hauptbahnhof. Seither bemüht sich Russland auch um seine Auslieferung, die das Wiener Straflandesgericht im August im zweiten Anlauf genehmigt hat. In Rechtskraft ist dieser Beschluss allerdings noch nicht erwachsen.

Nail M. (47) stand an der Spitze der Financial Leasing Company (FLC), einer Finanzierungsgesellschaft mit Firmensitz in Moskau. 2009 setzte er sich mit seiner Familie nach Österreich ab, wo er jahrelang unter seinem richtigen Namen unbehelligt lebte und seinen Geschäften nachging, ehe im Vorjahr die heimische Justiz ein Auslieferungsersuchen aus Russland ereilte. Der ehemalige FLC-Manager soll mit der Vorgabe, 25 Flugzeuge beschaffen zu können, von einer russischen Finanzierungsgesellschaft über Firmenkonstruktionen umgerechnet 3,38 Millionen Euro kassiert, das Geld auf ein spanisches Konto umgeleitet und damit eine kostspielige Immobilie erworben haben. Die Generalstaatsanwaltschaft in Moskau ersuchte Österreich um Auslieferung von Nail M., um ihn vor Gericht stellen zu können. Der 47-Jährige wurde auf Basis der russischen Unterlagen am 12. Dezember festgenommen, konnte nach Hinterlegung einer Kaution von 125.000 Euro am 31. Dezember aber wieder die Justizanstalt Wien-Josefstadt verlassen.

Daraufhin reichte Russland Unterlagen nach, denen zufolge Nail M. auch zwei Mordanschläge in Auftrag gegeben haben soll. Am 28. März wurde über ihn vom Straflandesgericht erneut die Auslieferungshaft verhängt. Bei dem einen Opfer, das angeblich auf seine Veranlassung hin beseitigt wurde, handelte es sich ausgerechnet um einen anderen FLC-Manager. Andrej Burlakow hatte die in Luxemburg ansässige FLC-West geleitet und mit dem Erwerb der Mehrheitsanteile an den Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Wannemünde im Jahr 2008 in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt. Großmundig stellte Burlakow damals der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel Großaufträge aus Russland - etwa die Produktion von Eisbrechern für die Arktis und Flüssiggastankern für den Gazprom-Konzern - in Aussicht.

Im Juni 2009 meldeten die Wadan-Werften jedoch Insolvenz an. Die russischen Behörden leiteten wiederum ein Strafverfahren ein, weil sie davon ausgingen, dass aus der FLC gezielt Mittel abgezweigt wurden, um vorgeblich den 249 Millionen Euro teuren Kauf der Werften in Mecklenburg-Vorpommern zu finanzieren. In Wahrheit - so die Vermutung der russischen Strafverfolgungsbehörden - habe es sich bei dem Deal um eine groß angelegte Geldwäsche-Aktion gehandelt. Die Täter hätten Staatsvermögen abgezweigt, um dieses über ein Firmengeflecht in Zypern und den British Virgin Islands in ihren Besitz zu bringen.

Burlakow, der in dieser Causa als Verdächtiger galt und in Russland vorübergehend im Gefängnis saß, ehe er gegen Kaution auf freien Fuß kam, wurde im September 2011 in Moskau in Mafia-Manier von einem Maskierten niedergeschossen, als er in Begleitung seiner Lebensgefährtin ein Restaurant besuchte. Die Frau überlebte das Schussattentat. Laut russischer Generalstaatsanwaltschaft soll Nail M., der sich zu diesem Zeitpunkt längst außer Landes befand, diesen Anschlag bei Aslan G. in Auftrag gegeben haben. Richard Soyer, sein Wiener Rechtsbeistand, schwört dagegen Stein und Bein, dass der frühere FLC-Generaldirektor nichts mit diesem Attentat und einem weiteren, ihm unterstellten Anschlag eines Killer-Kommandos, bei dem im Oktober 2006 zwei Männer starben, zu tun hatte. Auch die Betrugs-Vorwürfe sind laut Soyer völlig haltlos.

Für den Anwalt steht fest, dass Nail M. von russischer Seite verfolgt wird, weil er seinerzeit die Vermögensabflüsse bei der FLC im Zusammenhang mit den Wadan-Werften aufdeckte, von denen auch Günstlinge des russischen Präsidenten Wladimir Putin profitiert haben sollen. Nail M. habe interne Ermittlungen veranlasst und Strafanzeige erstattet. Weil er sich zudem öffentlich kritisch äußerte - so warnte der Manager ausdrücklich die deutsche Regierung, an das Geschäft mit den Wadan-Werften zu glauben, weil - Zitat - „alles auf betrügerische Machenschaften hindeute“ -, habe er schließlich aus Russland flüchten müssen, so Soyer. Grund: Für den einflussreichen Sohn eines früheren russischen Energieministers, der als enger Vertrauter Putins gilt, sollen sich die undurchsichtigen Vermögensverschiebungen rund um die Werften finanziell ausgezahlt haben. Mit seiner öffentlichen Kritik habe sich Nail M. diesen zum Feind gemacht und sich - so zumindest sein Wiener Anwalt - seines Lebens nicht mehr sicher sein können.

Für Soyer sind sämtliche Vorwürfe von russischer Seite konstruiert. Das Wiener Straflandesgericht hat allerdings Ende Juli die Auslieferung hinsichtlich der behaupteten Betrügereien und eines der beiden Mordanschläge für zulässig erklärt. Mit den dagegen eingebrachten Beschwerden muss sich nun in der kommenden Woche das Oberlandesgericht (OLG) auseinandersetzen.