Wiener „L‘incoronazione di Poppea“ als bunte Spielwiese der Kontraste

Wien (APA) - Claus Guth hat am Montagabend mit „L‘incoronazione di Poppea“ seine 2011 begonnene Monteverdi-Trilogie im Theater an der Wien a...

Wien (APA) - Claus Guth hat am Montagabend mit „L‘incoronazione di Poppea“ seine 2011 begonnene Monteverdi-Trilogie im Theater an der Wien abgeschlossen - und wie großartig. Seine Interpretation des frühbarocken Werks stellt dabei eine für ihn sehr unübliche Arbeit dar: Trash, schwule Camp-Ästhetik und Klamauk stehen im geschmeidigen Wechsel mit großen Gefühlen. Ein Konzept, das auch das Publikum polarisierte.

Nur wenig erinnert an den gewohnten Guth-Stil der monochromen Ästhetik im überdimensionalen Bühnenbild samt gemächlicher Personenführung. Der 51-jährige Deutsche lässt sich bei „Poppea“ ganz auf den Collagencharakter der letzten der drei vollständig überlieferten Opern Claudio Monteverdis ein. Schließlich verknüpft die Oper die Skandalbeziehung Kaiser Neros mit seiner Geliebten Poppea, die eine Spur der Gewalt hinter sich ziehen, mit zahlreichen komödiantischen Figuren.

Guth lässt diese scheinbar verschiedenen Welten und Stile jedoch nicht aufeinanderprallen, sondern verbindet diese mühelos zu einem Panoptikum. Dabei setzt er das Ambiente einer Spiel- oder Talkshow als Symbol für die mediale Überhöhung flexiblen, provisorischeren Bühnenräumen auf der Rückseite entgegen, die gleichsam als Backstagebereich der Gefühle fungieren. So kann ein warnender Chor als Begleitung für Senecas Selbstmord zum tuntigen Backgroundensemble mutieren oder Amor als ruhmgeiler Geck das Geschehen lenken und im gleichen Atemzug ein authentisches Liebesduett folgen. Dieses Amalgam der Kontraste gelingt Guth nicht zuletzt dank einer ausgeklügelten Personenführung, die jedem auch noch so kleinen der zahlreichen Charaktere seine fünf Minuten Ruhm und seine ausgearbeitete Persönlichkeit lässt.

Dieser kreative Umgang mit der Vorlage wird stringent auch im Graben fortgeführt, wo Jean-Christophe Spinosi am Pult seines Ensemble Matheus Monteverdis Klänge frei bis zur denkbaren Grenze interpretiert - und teils auch darüber hinaus. Die Tanzrhythmen werden immer wieder als ironisches Schlagerzitat zugespitzt, die lautmalerischen Elemente der Arien explizit ausgeführt. Nicht nur wird die Orchesterbesetzung ausgeweitet, sondern auch neue Klänge werden in die Partitur eingefügt. Elektronisch verfremdete, dissonante Zwischenspiele dienen als Barrieren im barocken Fluss - ein Ansatz, den Guth bereits in seinem „Fidelio“ bei den Salzburger Festspielen verfolgte.

Die dritte Erfolgssäule dieses kreativen Vulkans ist ein praktisch geschlossen herausragendes Ensemble, das nicht nur stimmlich, sondern auch mit überbordender Spielfreude im bunten Treiben agiert. Jennifer Larmore mit ihrem wuchtig-warmen Mezzo erinnert als betrogene Kaiserin Octavia an eine gealterte Liza Minnelli, während Franz-Josef Selig als bedächtiger Seneca seinen sämig-schmeichelnden Bass präsentiert.

Der niederländische Tenor Marcel Beekman darf nach seinem umjubelten Einsatz als Platee in Rameaus gleichnamiger Oper am Haus im Vorjahr erneut eine Frauenrolle spielen und erweist sich in der Rolle der Amme Nutrice abermals als großer Komödiant. Dabei macht ihm dieses Mal der Spanier Jose Manuel Zapata als alte Arnalta parodistische Konkurrenz. Daneben zeigt sich bei dieser TAW-“Poppea“ die frappante Vielfalt der verschiedenen Countertönungen - von Valer Sabadus‘ beinahe weiblich-sopran klingendem Timbre als Nero über Jake Ardittis klaren, vibratoarmen Gesang als Amor bis zu Christophe Dumaux engem Organ in der Rolle des betrogenen Ottone. Und schließlich stellt die „Poppea“ eine wahre Spielwiese für das Junge Ensemble des Hauses dar, sind doch beinahe alle Mitglieder mit von der Partie.

„Incoronazione di Poppea“ positioniert sich zugespitzt, geht in Vorlage - und polarisierte damit das Premierenpublikum. Zwischen frenetischen Bravorufen und ebenso vehementen Buhrufen für Dirigat und Regie erstreckte sich das Spektrum am Ende - und spiegelte damit die bunte Vielfalt auf der Bühne gleichsam auch im Zuschauerraum.

(S E R V I C E - „L‘incoronazione di Poppea“ von Claudio Monteverdi im Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien in der Regie von Claus Guth. Musikalische Leitung: Jean-Christophe Spinosi am Pult des Ensemble Matheus, Ausstattung: Christian Schmidt, Licht: Olaf Winter. Mit Christophe Dumaux/Ottone, Jennifer Larmore/Ottavia, Valer Sabadus/Nerone, Alex Penda/Poppea, Franz-Josef Selig/Seneca, Sabina Puertolas/Drusilla, Marcel Beekman/Nutrice, Jose Manuel Zapata/Arnalta, Viktorija Bakan oder Frederikke Kampmann/Fortuna, Natalia Kawalek/Virtu und Pallade, Jake Arditti/Amore, Gaia Petrone/Damigella, u.a. Weitere Aufführungen am 14., 16., 19., 21. und 23. Oktober. http://go.apa.at/ZJ9OsydQ)