Bezirk Reutte

Hilfe für Flüchtlinge: Wenn Blubberwasser exotisch wirkt

© Helmut Mittermayr

Rotkreuzhelfer aus dem Außerfern halfen Flüchtlingen in Wien und an der Grenze in Nickelsdorf. Sie brachten unvergessliche Eindrücke mit, sehen aber auch Grenzen der Belastbarkeit aufgezeigt.

Von Helmut Mittermayr

Reutte, Wien, Nickelsdorf –„Da relativiert sich schnell vieles. Für einige Zeit scheinen die alltäglichen Problemchen sehr klein“, sagt Jürgen Ginther, Ortsstellenleiter des Roten Kreuzes in Elbigenalp. Der Elmer erzählt von seinen Eindrücken als Rotkreuz-Mitarbeiter in Ostösterreich in Sachen Flüchtlingsbewältigung. Beim Tiroler Kontingent, das dort schon öfter geholfen hat, waren auch Außerferner zweimal dabei. Unter anderem auch Reinhilde Gratl aus Heiterwang, Gerhard Winkler aus Forchach, Sabine Hummel aus Höfen und Angelo Schädle aus Pinswang. Sowohl in der Wiener Stadthalle als auch am Grenz­ort Nickelsdorf packten sie kräftig mit an.

Neben der vielen Arbeit, „bei dauerndem Andrang in der Notschlafstelle Stadthalle mit 350 Plätzen kommst du kaum zum Denken“, sind Ginther Bilder und Episoden in Erinnerung geblieben. Etwa, dass viele nur in Flipflops, T-Shirt und kurzer Hose angekommen sind und trotzdem beschämt gewesen seien, als ihnen warme Kleidung angeboten wurde. „Alle benutzen Handys – ihre einzige Verbindung zu den Zurückgebliebenen. Nur wer online ist, lebt noch in Syrien“, erklärt Ginther die Hintergründe der dauernden Smartphone-Benutzung.

Überrascht zeigte sich der Lechtaler über die nebensächlichen, kleinen Kulturunterschiede, die ihm bewusst wurden. Etwa, dass Blubberwasser exotisch sein kann: „Mineralwasser ist bei Syrern fast nicht gebräuchlich. Was bei uns als Zeichen absoluter Frische gilt, wird nur ungern angerührt. Sie wollen nur stilles Wasser.“ Das Trinken aus Wasserhähnen sei für Flüchtlinge ebenfalls undenkbar. Öfters habe er in der Wiener Stadthalle geradezu beispielhaft aus dem Hahn trinken müssen, um zu zeigen, wie einfach und ungefährlich dies in Österreich ist. Auch die Abwesenheit von Gebeten ist ihm aufgefallen. Ginther rechnete anhand der großen Zahl von Muslimen mit mehreren Gebetsausübungen täglich: „Aber da war nichts. Keine Ahnung, warum.“

Ginther erzählt von auffälliger Ruhelosigkeit vieler Migranten; von nächtlichen Stopps voller Züge in Nickelsdorf; von erster medizinischer Hilfe für kranke; von munter herumspringenden Kindern, die sich im Abenteuerurlaub wähnen; von großem Zusammenhalt der Helfer von Rotkreuz, Polizei bis Militär; von spontaner Bürgerhilfe und vom großen Dank ganz normaler Leute – er spricht damit die Flüchtlinge an.

Aus den Erfahrungen seiner zwei Einsätze in der Wiener Stadthalle und an der Grenze will Ginther eines gelernt haben, auch wenn ihm klar ist, dass diese Einsichten zu Hause verfliegen werden: „Diese Leute jammern nicht, wir tun es wegen Kleinigkeiten, nehmen Unwichtiges zu wichtig.“

Skeptisch ist Jürgen Ginther einzig in der Frage, „wie lange sie es unten noch ,derpacken‘ werden“. Und mit „sie“ meint er die österreichischen Helfer. Der Zeit-, Arbeits- und emotionale Aufwand sei nicht zu unterschätzen, eine Abkömmlichkeit von der Arbeit auf Dauer nicht möglich. „Denn einrücken könnte man immer, offizielle Anfragen für Einsätze dieser Art kommen derzeit täglich“, fügt Andreas Inwinkl, Leiter des Rettungsdienstes Außerfern, hinzu.