Autorin Anna Kim: „Es gibt kein objektives Kriterium für Integration“
Wien/Krems/Spitz a.d. Donau (APA) - Die aus Südkorea stammende österreichische Autorin Anna Kim ist neben A.L. Kennedy, Jamal Mahjoub und At...
Wien/Krems/Spitz a.d. Donau (APA) - Die aus Südkorea stammende österreichische Autorin Anna Kim ist neben A.L. Kennedy, Jamal Mahjoub und Atiq Rahimi Teilnehmerin der Auftaktveranstaltung der „Europäischen Literaturtage“ in Krems und Spitz (22. bis 25.10.). Mit der APA sprach sie über Verfehlungen der EU, das Thema Integration, die Gefahr von Halbsprachigkeit in Migrantenfamilien und den Einfluss der Muttersprache auf die Literatur.
APA: Die Auftakt-Soiree bei den European Literature Days steht unter dem Titel „Europe! Europe!“. Das klingt nach Hoffnung, nach Erwartungen an Europa, oder aber auch nach einem Hilfeschrei. Welche Bedeutung hat für Sie dieses Europa, wie es sich derzeit darstellt?
Anna Kim: Ich bin sehr enttäuscht davon, wie einzelne EU-Länder zunächst auf die Griechenland- und nun auf die Flüchtlingskrise reagiert haben. Aber meine Enttäuschung ist eigentlich älter. Vom Friedensprojekt EU scheint nicht viel übrig geblieben zu sein. Die EU ist definitiv in einer Krise. Die Reformen, nach denen (der britische Premier David, Anm.) Cameron verlangt, wobei ich nicht die meine, die er fordert, sondern Reformen im Allgemeinen, wären dringend notwendig. Die Machtverteilung etwa innerhalb der EU ist alles andere als gerecht geregelt. Von der ursprünglichen Idee und Größe hat sich die EU ja sehr weiterentwickelt: Es wäre an der Zeit, eine Anpassung, Modernisierung vorzunehmen.
APA: Viele Flüchtlinge skandierten in Ungarn „Germany! Germany!“ - Worin liegt Ihrer Meinung nach die Faszination, die Deutschland (derzeit) für Flüchtlinge und Migranten ausübt?
Kim: Das Interessante an der aktuellen Flüchtlingskrise ist, dass zum ersten Mal die sozialen Medien eine Rolle spielen bzw. gespielt haben. Offenbar wurde die Faszination für Deutschland und Schweden von vielen falschen Informationen ausgelöst, die etwa über Facebook verbreitet wurden.
APA: Im Rahmen der Literaturtage in Krems und Spitz stehen Migration und das Schreiben fern der Heimat im Zentrum. Zahlreiche Autoren wurden aufgrund ihrer Migrationsgeschichte eingeladen. Sprechen Sie über Ihre eigenen Erfahrungen gerne in Kontexten wie diesen oder stört es Sie oft auch, dass Sie zu diesem Thema wieder und wieder befragt werden?
Kim: Ich verstehe das Interesse und das Bedürfnis, gerade in Zeiten wie diesen, dieses Thema in den Mittelpunkt zu rücken. Zum Glück werde ich nicht nur dazu und wegen meiner Herkunft zu Literaturfestivals eingeladen - das würde mich schon stören, schließlich wurde die Entscheidung auszuwandern nicht von mir gefällt, sondern von meinen Eltern. Die Migrationsgeschichte, von der so oft die Rede ist, ist ja eigentlich die Geschichte meiner Eltern. Sie waren diejenigen, die eine fremde Sprache lernen, sich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühen, neue, nichtkoreanische Freunde suchen mussten. Ich kenne diese Entwicklungsstadien, weil ich ihnen dabei zugesehen habe und ich aufgrund meiner Herkunft zu einer Migrantin gemacht werde, jeden Tag aufs Neue, obwohl ich mich nicht als solche fühle.
APA: „Integration“ war gerade jetzt im Wien-Wahlkampf ein oft gebrauchtes (und strapaziertes) Wort. Was bedeutet es aus Ihrer Sicht? Und: Gibt es überhaupt die Aufnahmegesellschaft, in die man sich integrieren kann?
Kim: Integration ist ein Begriff, der gerne von Politikern gekapert wird, weil er äußerst ungenau, unklar und ungeklärt ist, denn den Grad des Integriertseins kann man nicht messen: Es gibt kein objektives Kriterium für Integration. Selbst das Beherrschen der Sprache, was ja gerne angeführt wird, reicht nicht aus, wenn die Person, die diese Bemühungen unternimmt, um integriert zu werden, nicht von der Gesellschaft akzeptiert wird. Integration wird gerade von der Politik immer als eine Forderung an die Einwanderer herangetragen, aber Akzeptanz sehr selten als Forderung an die einheimische Bevölkerung. Doch: Ohne Akzeptanz keine Integration. Das klingt wie eine Binsenweisheit, muss aber - offensichtlich - ständig wiederholt werden.
APA: Das Erlernen des Deutschen wird bei uns von allen politischen Parteien als der Grundstein von Integration postuliert. Ab welchem Alter (und in welchem Umfeld) haben Sie Deutsch gelernt? Da Sie sehr jung waren, als Sie nach Deutschland kamen - war Deutsch für Sie je eine Zweitsprache?
Kim: Ich habe Deutsch mit drei Jahren im Kindergarten gelernt. Und jein, Deutsch war irgendwie schon und irgendwie nie Zweitsprache. Ich glaube, dass sich bei mir in der Volksschule (oder schon vor der Volksschule?) ein Wechsel vollzogen und Deutsch meine Erstsprache geworden ist.
APA: Welche Rolle spielt Ihre Muttersprache Koreanisch heute noch für Sie?
Kim: Eine sehr untergeordnete. Ich spreche mittlerweile Englisch um einiges besser als Koreanisch. Es gibt einzelne koreanische Wörter, bei denen ich sentimental werde. Und der Klang des Koreanischen erinnert mich an meine Eltern und an die Briefe aus Südkorea, die mir vorgelesen wurden, weil ich mir so schwer dabei tat, sie zu entziffern...
APA: In vielen Familien geht die Herkunftssprache sukzessive verloren. Aus dem Irrglauben heraus, man müsste auch zu Hause die „neue“ Sprache sprechen, wird diese zunächst naturgemäß fehlerhaft an die Kinder weitergegeben, während die Erstsprache der Eltern fossiliert. Es kommt zu einer „doppelten Halbsprachigkeit“, wie es die Wissenschaft nennt. Wie haben Sie das erlebt?
Kim: Bei mir zu Hause wurde immer Koreanisch gesprochen, aber ausschließlich deutschsprachige Bücher gelesen. Mein Vater war als Kunstpädagoge generell sehr an neuen pädagogischen Ideen und Konzepten interessiert, hat daher alles getan, um jede Form von Halbsprachigkeit zu vermeiden.
APA: Wann und wie entscheidet sich, in welcher Sprache man zur Autorin wird?
Kim: Für mich hat sich diese Frage nie gestellt, es war immer schon klar, dass außer Deutsch keine andere Sprache für mich in Frage kommt. Ich bin mit österreichischer Literatur aufgewachsen, mit Bernhard und Jelinek, der Wiener Gruppe. Bachmanns „Malina“ ist eines meiner Lieblingsbücher, und Wittgenstein, seine Untersuchungen, habe ich immer dabei.
APA: Kann man als zweisprachiger Autor bzw. zweisprachige Autorin die deutsche Sprache vielleicht gerade deshalb bereichern, weil man aus einem anderen sprachlichen Kontext kommt?
Kim: Ja, ganz sicher. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die mit der Technik des Übersetzens arbeiten: Mit wörtlichen Übersetzungen kommt man auf die schrägsten und lustigsten Metaphern. Außerdem ist die Weltanschauung oft eine andere, wenn man mit einer anderen Kultur UND der österreichischen aufwächst. Das schlägt sich natürlich im Umgang mit der Sprache nieder und darin, was man in Sprache ausdrückt.
APA: Zuletzt haben Sie mit „Der sichtbare Feind“ einen Essay veröffentlicht. Vor einiger Zeit haben Sie gemeint, Sie würden sich literarisch auch gerne einmal mit Südkorea auseinandersetzen. Wollen Sie diesbezüglich schon etwas verraten?
Kim: Der Roman, an dem ich gerade arbeite, spielt in Südkorea, Japan und Nordkorea in den 1950er und 1960er Jahren. Es geht um die Kommunistenverfolgungen bzw. die Anti-Kommunismuspolitik des Südens. Und natürlich geht es um die Ursachen für den noch immer schwelenden Nord-Süd-Konflikt.
(Die Fragen des per Mail geführten Interviews stellte Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - Europäische Literaturtage in Krems und Spitz, 22. bis 25. Oktober. Detailprogramm und Information: www.literaturhauseuropa.eu)
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