Black Mass: Das Imperium des Gangsters
Johnny Depp spielt in Scott Coopers „Black Mass“ jenen Bostoner Mafiapaten, den 2006 Jack Nicholson in Martin Scorseses „The Departed“ verkörpert hatte.
Von Peter Angerer
Innsbruck –In Martin Scorseses Gangsterepos „The Departed“ versucht ein von Leonardo DiCaprio gespielter Polizist das Vertrauen des Mafiapaten Frank Costello (Jack Nicholson) zu gewinnen, um in dessen kriminelle Organisation aufgenommen zu werden. Dazu nutzt er eine Barszene, in der sich einer von Costellos Männern über seine Vorliebe für Fruchtsaft lustig macht und dafür in einer der brutalsten Einstellungen des Films beinahe mit dem Leben bezahlt. Diese Demonstration von Jähzorn gefällt Costello, der in der Realität als James „Whitey“ Bulger 20 Jahre lang die Stadt Boston terrorisiert hatte, seinen eigenen Friedhof mit Massengräbern betrieb und sich – 1995 – durch Flucht der Verhaftung entziehen konnte.
2006, als Scorseses Meisterwerk in die Kinos kam, lebte Bulger als unauffälliger Rentner in Santa Monica. Erst 2012 führte ein anonymer Hinweis zu seiner Verhaftung. Während der weltweit wahrgenommenen Gerichtsverhandlung prahlte der mittlerweile 81-jährige Gangster mit seiner Brutalität und lieferte zugleich einen Eindruck davon, wie schwer ihm während der Zeit seines Rentnerdaseins die Zurückhaltung gefallen sein muss, in einer Bar nach einigen Gläsern nicht auszurufen: „Nicholson spielte mich“ oder gar „Nicholson c’est moi!“, denn Bulger war zwar Gangster, aber auch ein gebildeter Mann.
In Scott Coopers „Black Mass“ spielt Johnny Depp den Gangster Bulger mit schütterem Haar und verzichtet auf Nicholsons schrille Manierismen. Auch Scott Cooper, der mit seinem Regiedebüt „Crazy Heart“ 2009 berühmt wurde, geht es etwas stiller an, um jeden Vergleich und Remakeverdacht zu vermeiden. Bulgers Charakter definiert er am Beispiel einer mit Nüssen und Häppchen gefüllten Schale, wie sie in jeder Bar gereicht wird. Die freundliche Geste des Barkeepers soll natürlich den Durst anregen, stellt aber auch Anforderungen an die Gäste. Die Finger sollten nach dem Besuch der Toilette gewaschen werden und nicht abgelutscht werden, um anderen Nutzern der Schale den Kontakt mit Bakterien zu ersparen. Plötzlich verwandelt sich diese Schale zum Symbol des Ekels und des Elends auf der Welt, wenn einer von Bulgers Handlangern seinen Speichel zur allgemeinen Verwendung in der Schale deponiert. Diesem Mann bleiben nur noch Sekunden zu leben – nicht nur wegen seiner Manieren.
Bulger steht 1975 am Anfang seiner Machtübernahme, Überreaktionen sind sein Geschäftsmodell. Der Durchbruch gelingt dem Gangster, dessen Bruder Billy (Benedict Cumberbatch) den Staat als Senator in Washington vertritt, mit einem Angebot des FBI, gemeinsam die italienische Mafia in Boston auszuschalten. Mit dem FBI-Agenten John Connolly (Joel Edgerton) haben die Bulger-Brüder die Kindheit verbracht. Keiner der ehemaligen Spielkameraden vermag zu sagen, an welcher Wegkreuzung des Lebens die falsche Entscheidung gefallen ist, um sich Jahrzehnte später als Polizist und Gangster zu begegnen. Connolly schätzt das Ansehen, das ein den Gesetzen folgender Beamter genießt, aber auch die Vorteile aus der Unterwelt sind nicht zu verachten. Mit kargen Informationen aus Bulgers Notizbüchern beschleunigt Connolly seine FBI-Laufbahn, bis er nicht mehr aus seiner Doppelfunktion Agent/Gangster entkommen kann. Unter dem Schutzschirm der Bundesbehörde kann der irische Gangster jedoch ein Imperium aus Drogenhandel, Glücksspiel und Prostitution bis nach Florida errichten.
Zuletzt muss sich Scott Coopers Film doch mit „The Departed“ dem Vergleich stellen. Wegen der Nähe zu den realen Ereignissen gewährt „Black Mass“ einen ungleich deprimierenderen Einblick in die Welt des Verbrechens, aber vielleicht liegt es an Johnny Depps Spiel, dass sein Gangster bei aller Bedrohlichkeit als erträglichere Figur erscheint.
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