Heger und Verleger: Jochen Jung „Zwischen Ohlsdorf und Chaville“
Wien (APA) - Das Verlegerleben ist nicht immer Gold. Und das eines Lektors noch viel weniger. Doch so schwierig Dichterinnen und Dichter auc...
Wien (APA) - Das Verlegerleben ist nicht immer Gold. Und das eines Lektors noch viel weniger. Doch so schwierig Dichterinnen und Dichter auch sein mögen, der Kontakt mit ihnen beglückt und bereichert. Das ist - so ungefähr - das Resümee, das der Verleger und Lektor Jochen Jung zieht, wenn er „Zwischen Ohlsdorf und Chaville“ unermüdlich unterwegs ist, um der Sprache auf die Sprünge zu helfen.
Während sich der Untertitel des eben im Haymon Verlag erschienenen Buches („Die Dichter und ihr Geselle“) als Eichendorff-Zitat wohl nur Spezialisten sofort erschließt, ist der Titel auch für die breite Öffentlichkeit selbst erklärend: Im oberösterreichischen Ohlsdorf hatte Thomas Bernhard seinen legendären Bauernhof, der zur Pilgerstätte von Germanisten und Theaterleitern, Verlegern und Literaturfans wurde, in einem verwunschenen Garten im Pariser Vorort Chaville bezog Peter Handke sein Refugium im selbst gewählten französischen Exil.
Einige Begegnungen mit den beiden großen Schwierigen stehen zwar im Zentrum dieser Erinnerungen an wichtige Stationen einer aufregenden Karriere im Verlagsgeschäft, die den in Frankfurt/Main geborenen Jung nach Salzburg führte, aber das Buch ist keineswegs eine Promi-Beschau. Es sind auch weniger gedrechselte Anekdoten, Schnurren aus dem literarischen Leben, die sich beim prasselnden Kaminfeuer oft und oft erzählen ließen, sondern mehr nachdenkliche, bisweilen grüblerische Gedanken, die versuchen dahinterzukommen, warum man sich beschimpfen, hinhalten und hintergehen lässt und sich dennoch am Ende beschenkt fühlen kann.
Jochen Jung hat manche bittere Erfahrung zu teilen. Etwa die Erinnerung an jenen Bären, den ihm die Dichter Ferdinand Schmatz und Franz Josef Czernin aufbanden, als sie ihm 1988 „bewusst schlechte Gedichte“ unterjubelten, und sich „das Vergnügen machten, mich öffentlich als Literaturtrottel hinzustellen“. Oder an seine überfallsartige Kündigung bei Residenz, auf den Tag genau 25 Jahre, nachdem er in den Verlag eingetreten war. Aus dieser Niederlage ist freilich mit Jung und Jung ein Verlag entstanden, dessen Programm viel gerühmt und mehrfach ausgezeichnet wurde.
Doch es überwiegt das Positive, und so erfährt man Interessantes und Bizarres von Ausnahme-Literaten wie Gert Jonke und H. C. Artmann, entdeckt vergessene Autorinnen wie Ingeborg Day oder Diana Kempff, liest gleichermaßen schmunzelnd wie erschreckend, wie rasch wertvolle Manuskripte vom Winde verweht werden können und erfährt, dass man als Lektor des Vertrauens nicht selten auch Trauzeuge zu sein hat.
Denn der Lektor, wie Jung ihn versteht, ist auch als Verleger mehr Pfleger und Heger als Jäger, und „Empathie ist nach dem Bleistift das wichtigste Arbeitsinstrument“ eines Lektors, wie Jung am Ende in einem kleinen Lektoren-Lexikon wissen lässt. „Anders gesagt: Autorenbetreuung klingt wie Essen auf Rädern und ist auch manchmal so.“ Umso schöner, wenn es dennoch schmeckt.
(S E R V I C E - Jochen Jung: „Zwischen Ohlsdorf und Chaville. Die Dichter und ihr Geselle“, Haymon Verlag, 176 S., 17,90 Euro)
Kommentare