Wachleute stellten sich bei Flucht von „El Chapo“ taub und blind

Bei seiner spektakulären Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano kam dem mexikanischen Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzman die Nachlässigkeit der Justizbeamten zugute. Kurz vor dem Ausbruch waren in Guzmans Zelle laute Hammer- oder Bohrgeräusche zu hören, wie bisher unbekannte Aufnahmen der Überwachungskameras zeigen.

Eine Aufnahme der Überwachungskamera zeigt die Flucht Guzmans.
© EFE

Mexiko-Stadt – Beim spektakulären Ausbruch des mexikanischen Drogenbosses Joaquin „El Chapo“ Guzman haben sich die Wärter offenbar blind und taub gestellt. Ein entsprechendes Überwachungsvideo von den Minuten der Flucht wurde am Mittwoch (Ortszeit) vom Fernsehsender Televisa veröffentlicht.

Ihm zufolge bahnte sich der Ausbruch durch sehr laute Klopfgeräusche an, nach dem Verschwinden von „El Chapo“ dauerte es mehr als eine halbe Stunde, bis Wärter die Zellentür öffneten. Das Überwachungsvideo aus dem Hochsicherheitsgefängnis Altiplano enthält im Gegensatz zu von den Behörden veröffentlichten Aufnahmen erstmals auch Tonspuren.

Klopfgeräusche ignoriert

Zu sehen ist, wie der 58-jährige Guzman am 11. Juli auf dem Bett in seiner Zelle liegt und Fernsehen schaut. Plötzlich ertönen mehrere hammerstarke Klopfgeräusche – doch kein Wärter lässt sich dadurch stören. Der Chef des Sinaloa-Drogenkartells steht auf, geht zu seiner Dusche, beugt sich hinter einer Wand herunter und verschwindet um 20.52 Uhr von der Bildfläche.

Obwohl im Kontrollraum ein halbes Dutzend Wachleute Bilder von Überwachungskameras beobachtet, geht erst 26 Minuten später, um 21.18 Uhr, ein Wärter zu Guzmans Zelle und ruft von außen dessen Namen. Später ist ein Wachmann zu hören, der zu seinem Vorgesetzten spricht, während er in die Zelle späht. „Da ist ein Loch in der Dusche“, sagt er. „Aber der Insasse ist nicht da?“ fragt der Vorgesetzte. „Nein, Chef, ist er nicht.“

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Erst um 21.29 Uhr öffnen Wächter die Gefängniszelle. Mehrere von ihnen kriechen in das Loch, einer sagt dann, dass der Tunnel ein Stück weiter verschlossen sei. Der Zeitablauf steht in deutlichem Widerspruch zu den bisherigen Angaben der Behörden. Diese hätten bisher erklärt, dass zwischen der Flucht und der Öffnung der Zelle nur 18 Minuten vergangen seien, sagte der Oppositionspolitiker Alejandro Encinas, der Mitglied im Sicherheitskomitee des Kongresses ist. Er beschuldigte die Regierung, „zu lügen und Informationen zu verbergen“.

Regierung in Erklärungsnot

Die Flucht des Drogenbosses aus dem Hochsicherheitsgefängnis Altiplano hatte die mexikanische Regierung in große Erklärungsnot gebracht. Guzman war durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel geflohen. Durch den offenbar in monatelanger Arbeit gegrabenen Tunnel führte ein eigens gebauter Schienenstrang, auf dem ein umgebautes Motorrad montiert war.

Der mächtige Drogenboss war den Behörden erst 2014 nach einer 13-jährigen Fahndung ins Netz gegangen. Bereits 2001 war „El Chapo“ aus einem Hochsicherheitsgefängnis geflohen - in einem Wäschewagen.

Nach der Flucht im Juli nahmen die Behörden 13 Verdächtige fest, darunter mehrere Wachleute und Verantwortliche des Gefängnisses sowie die damalige Leiterin der mexikanischen Gefängnisverwaltung. (APA/AFP)


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