Die palästinensische Nach-Oslo-Generation hat es vollkommen satt

Ramallah (APA/AFP) - Der 18-jährige Student will von einer Verhandlungslösung nichts mehr hören. „Wir werden weiter Steine auf die Besatzung...

Ramallah (APA/AFP) - Der 18-jährige Student will von einer Verhandlungslösung nichts mehr hören. „Wir werden weiter Steine auf die Besatzungstruppen werfen“, sagt der Vermummte nahe des Checkpoints zwischen Ramallah und der israelischen Siedlung Beit El, wo derzeit täglich Proteste ausbrechen. „Die Autonomiebehörde will uns stoppen, um lieber zu verhandeln. Aber wir müssen zeigen, dass wir nicht einverstanden sind.“

Inmitten von Unruhen und einer Serie von Messerattacken, die in Israel Warnungen vor einer dritten Intifada auslösen, hat eine neue Palästinenser-Generation das Heft des Handelns übernommen. Es sind die nach „Oslo“ Geborenen, die also nach den beiden Friedensabkommen von 1993 und 1995 aufwuchsen, welche den Palästinensern viel Hoffnung und letztlich tiefe Ernüchterung brachten. Sie wissen wenig über die Aufstände von 1987 bis 1993 und von 2000 bis 2005, bei denen mehr als tausend Israelis und fünf Mal so viele Palästinenser starben.

Für viele unter ihnen endet der Erfahrungshorizont an den von Israel errichteten Sperranlagen, die das Westjordanland einschnüren und zerstückeln. Ihr Bild von Israel ist geprägt von Soldaten und Siedlern, die dort bauen und ernten, wo der künftige Palästinenserstaat sein sollte, der für sie bestenfalls noch ein ferner Traum ist. Über die Nachrichtensender intensiv verfolgt haben sie dagegen Berichte über den Arabischen Frühling und die drei Gaza-Kriege seit 2008.

Zwei von drei Palästinensern im Westjordanland sind unter 30. Sie füttern ihren Zorn im Internet mit Bildern von „Märtyrern“ und Protestaktionen. Besonders die Aufnahmen von Überwachungskameras, welche die Erschießung von tatsächlichen und mutmaßlichen Attentätern durch israelische Sicherheitskräfte zeigen, werden derzeit massiv geteilt. Der neueste Trend: Werden sie selbst festgenommen, lachen diese Jugendlichen herausfordernd in die Kameras.

Anfang der Woche drängelten sich bei der Bestattung des 13-jährigen Ahmed Charake, der bei Zusammenstößen nahe Ramallah von Soldaten erschossen wurde, die Schulkameraden um den Leichnam. „Ist doch egal, ob ich morgen zur Schule gehe“, sagt der gleichaltrige Firas. „Der Kampf gegen Armee und Siedler ist wichtiger.“ Gefragt, ob er nicht an seine Zukunft denke, antwortet Firas trotzig: „Ich will sowieso ein Märtyrer wie Ahmed werden.“

Seit Monatsbeginn sind bereits mehr als 30 Palästinenser bei Gewaltakten und Zusammenstößen getötet worden, darunter ein Dutzend Attentäter. Hunderte erlitten Wunden durch Gummigeschoße oder scharfe Munition. Zugleich wurden sieben Israelis getötet und mehr als hundert verletzt.

Die Palästinenserführung bekommt die Unruhen nicht unter Kontrolle, obwohl Präsident Mahmoud Abbas immer wieder dazu aufruft, den „Volkswiderstand gegen die Besatzung gewaltfrei“ zu halten. „Diese Generation hat die Siedlungen ständig wachsen sehen, und die Zusammenstöße sind die logische Folge des politischen Handelns der israelischen Regierungen seit Oslo“, erklärt PLO-Generalsekretär Sayeb Erakat die Entwicklungen.

Es ist fast ironisch, dass die meisten Teilnehmer der Straßenproteste zurückweisen, dass Erakat sie repräsentiere. Stattdessen skandieren sie Parolen gegen Abbas, dessen Vertraute und ihre Kompromisspolitik. Khalil Shaheen, Autor und politischer Analyst, hat beobachtet, dass die auf den Oslo-Abkommen beruhende Palästinensische Autonomiebehörde jeden Einfluss auf die Jugend verloren hat. Die Behörde sollte während einer fünf Jahre langen Übergangsperiode bis zu einem endgültigen Friedensabkommen regieren. Ihr Verfallsdatum ist mithin um 15 Jahre überschritten.

Dazu kommt: „Diese neue Generation mobilisiert sich über die sozialen Medien und stachelt sich dort auch gegenseitig auf. Die alten Herren in den traditionellen Palästinenserfraktionen haben da keinen Einfluss“, sagt Shaheen. „Die Jugendlichen sind nicht nur voller Wut auf die israelische Besatzung, sondern auch auf das Taktieren der palästinensischen Politiker, die in ihren Augen angefangen mit Oslo die Zukunft verspielt haben.“