Nach Handgemenge

Bulgarischer Polizist erschoss Flüchtling an Grenze

Bulgariens Premierminister Boyko Borisov (l.) mit EU-Ratspräsident Donald Tusk.
© REUTERS

Eine Gruppe von Afghanen ließ sich von Grenzpolizisten nicht aufhalten. Ein Polizist zog daraufhin seine Waffe. Laut Polizei war ein Querschläger für den Tod des Flüchtlings verantwortlich.

Sofia – Erstmals in der aktuellen Flüchtlingskrise ist in der EU ein Flüchtling von Sicherheitskräften getötet worden: Ein afghanischer Flüchtling wurde in der Nacht auf Freitag nach dem Eingeständnis der bulgarischen Behörden von der Kugel eines Grenzschützers verletzt und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) sprach von einem „sehr bedauerlichen“ Zwischenfall.

Innenminister Georgi Kostow sagte am Freitag in der Früh bei einer Pressekonferenz, die in der Nähe des Orts abgehalten wurden, an dem sich der Vorfall ereignet hatte, nach den Erkenntnissen der Sicherheitskräfte habe der tödlich getroffene Mann zu einer Gruppe von 54 unbewaffneten Flüchtlingen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren gehört. Sie seien den Anweisungen der Polizei zum Anhalten nicht gefolgt, sondern hätten „Widerstand“ geleistet. Polizisten feuerten nach eigenen Angaben Warnschüsse ab, der Afghane sei von einem „Querschläger“ getroffen worden. Die restlichen Männer aus der Gruppe wurden festgenommen und Ermittlungen zum genauen Tathergang eingeleitet.

Bulgarien nicht auf Hauptroute der meisten Flüchtlinge

Die Flüchtlinge gaben an, aus Afghanistan zu stammen, aber keine Personalpapiere bei sich zu haben. Bulgarien liegt abseits der Hauptroute der meisten Flüchtlinge, die von der Türkei über Griechenland und die weitere Balkan-Route zumeist nach Deutschland gelangen wollen. Es gelangten in den vergangenen Monaten aber auch Zehntausende Flüchtlinge nach Bulgarien, die Regierung baute zuletzt die 260 Kilometer lange Grenze zur Türkei aus, wo sie Stacheldrahtzäune errichtete. Zusätzlich wurden rund 2.000 Grenzschützer, Polizisten und Soldaten an die Grenze geschickt.

Der Tod des Mannes aus Afghanistan sei „sehr bedauerlich“, sagte der Sprecher des UNHCR in Bulgarien, Boris Tscheschirkow. „Pläne mit Barrieren, Zäunen und Polizei können die Probleme verzweifelter Menschen nicht lösen“, fügte Tscheschirkow hinzu. Er erinnerte an eine Aufforderung des UNHCR an die bulgarischen Behörden, Flüchtlinge nicht abzuweisen.

Bulgarischer Präsident: Markstein in Flüchtlingskrise

Der bulgarische Präsident Rossen Plewneljew bedauerte den Zwischenfall. Der „tragische“ Vorfall werde zu einem „Markstein“ in der „schweren Flüchtlingskrise in Europa“, erklärte Plewneljew. Der Zwischenfall, der sich in der Nähe von Sredez ereignete, sei für ihn eine Gelegenheit, „zu schnellen gemeinsamen Maßnahmen“ der Europäer aufzurufen. Es war das erste Mal, dass in der aktuellen Flüchtlingskrise in Europa ein Flüchtling von einem Mitglied der Sicherheitskräfte tödlich getroffen wurde. Ministerpräsident Boiko Borissow hatte während des EU-Gipfels in Brüssel von dem tragischen Zwischenfalls erfahren und war daraufhin in seine Heimat zurückgereist.

Beim EU-Gipfel in Brüssel wurde unter anderem ein gemeinsamer Aktionsplan mit der Türkei beschlossen, der zur Bewältigung der Flüchtlingskrise beitragen soll. Nach dem Aktionsplan ist vorgesehen, dass Ankara in Kooperation mit der EU-Grenzschutzagentur Frontex die Weiterreise von Flüchtlingen in EU-Staaten unterbindet. Dies hätte auch direkte Auswirkungen darauf, wie viele Flüchtlinge zukünftig noch nach Bulgarien gelangen.

Die Türkei ist der wichtigste Ausgangspunkt der rund 600.000 Flüchtlinge, die in diesem Jahr nach Europa gelangten. Viele von ihnen wählten den riskanten Weg über das Mittelmeer, auf dem in diesem Jahr schon mehr als 2500 Menschen ertranken. (APA/dpa/AFP)