„Ich bin sehr erleichtert, nicht mehr kämpfen zu müssen“
Anwalt Evan Wolfson setzte sich Jahrzehnte lang für die Homosexuellenehe in den USA ein. Im Juni erklärte der Oberste Gerichtshof das Verbot für verfassungswidrig.
Von Matthias Sauermann
Innsbruck/New York — „Als ich das Urteil las, bemerkte ich, dass ich weinte. Zuerst dachte ich, dass ich weine, weil jeder Paragraph eine Erinnerung hervorrief. Oder weil ich an die Pioniere unserer Arbeit dachte, die diesen Moment nicht mehr erleben durften. Später realisierte ich, dass ich auch aus Erleichterung weinte. Ich war sehr, sehr erleichtert, nicht mehr kämpfen zu müssen“, erzählt Evan Wolfson im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Der 58-Jährige war auf Einladung der US-Botschaft in Österreich. Mehr als 30 Jahre lang kämpfte der Anwalt für das Recht Homosexueller, zu heiraten. Am 26. Juni dieses Jahres fand dieser Kampf ein Ende, als der Oberste Gerichtshof der USA das Verbot der Homosexuellenehe für verfassungswidrig erklärte. Seitdem ist sie in den ganzen USA erlaubt.
Den Traum, lebenslange Liebe zu finden, die auch vor dem Gesetz anerkannt wird, tragen wir alle in uns, meint Wolfson. Jugendlichen, die herausfinden, dass sie homosexuell sind, werde jedoch gesagt: „Das ist nichts für dich“. So werde vermittelt: „Es stimmt erwas nicht mit dir. Ich hingegen habe es immer so gesehen: Nicht mit mir stimmt etwas nicht, sondern mit der Gesellschaft“, berichtet Wolfson von seinen Erfahrungen. So begann er die Arbeit an seinem Lebenswerk.
Bereits in seiner Dissertation an der Eliteuni Harvard nahm Wolfson sich dieses Themas an. 1996 begleitete er einen Prozess, in dem sich erstmals ein homosexuelles Paar in Hawaii dagegen wehrte, nicht heiraten zu dürfen. Dieses Verfahren mündete im ersten Sieg, auch wenn dieser politisch wieder aufgehoben wurde. Dennoch veränderte dieser Moment die Debatte, erzählt Wolfson. Der Anwalt gründete die Kampagne „Freedom to Marry“ („Die Freiheit zu heiraten“) und entwarf zusammen mit seinem Team eine Strategie, der sie konsequent folgten.
Zu Beginn seiner Arbeit war die Gesellschaft für diesen Umbruch noch nicht bereit, meint Wolfson. Jedoch hätten sich seit 1996 zwei wichtige Punkten verändert. Erstens wurde das Gespräch darüber vorangetrieben, wer Homosexuelle sind — abseits von Stereotypen und Vorurteilen —, andererseits kam Aids. Die verheerende Krankheit habe dazu beigetragen, dass Homosexuelle von Nicht-Homosexuellen als Menschen wahrgenommen wurden, die sich um ihre Liebsten sorgen, die trauern, die Mut zeigen. Auf der anderen Seite habe sich auch die Sicht von Homosexuellen geändert, als sie merkten, was es bedeutete, von Heirat — und den Rechten, die damit verbunden sind — ausgeschlossen zu sein. Dies veränderte die Homosexuellenbewegung von einer Haltung „lasst uns ins Ruhe“ zu einem „lasst uns teilhaben“, erklärt der Bürgerrechtler.
Viele Jahre und 70 gewonnene Verfahren vor Gericht später urteilte der Oberste Gerichtshof mit knapper Mehrheit, die Homosexuellenehe in den USA zuzulassen. „Seitdem vergeht kein Tag, an dem sich nicht Leute an mich wenden und mir danken. Die ihre eigenen Geschichten mit mir teilen. Viele senden mir Fotos von ihrer Hochzeit. Von Eltern, die auf ihrer Hochzeit weinen. Das war ein Ozean an Freude, den ich erleben durfte und der bis heute anhält.“
Angst, dass dieser Erfolg wieder aufgehoben werden könnte, hat Evan Wolfson nicht. Vielmehr hofft er, dass andere Länder — wie Österreich — nachziehen. Insbesondere, wenn es gleichgeschlechtlichen Paaren erlaubt ist, Kinder zu adoptieren. Es mache keinen Sinn, diese Kinder dann dafür zu bestrafen, nicht die „richtige Art“ von Eltern zu haben, sagt Wolfson.
Steckbrief
Evan Wolfson ist Anwalt. Er wurde wegen seiner Arbeit vom Magazin „Time“ zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt gezählt. Wolfson lebt mit seinem Ehemann in New York.
Die Kampagne „Freedom to Marry“, der Wolfson vorsteht, wird nach dem Sieg nun langsam heruntergefahren. Wie seine eigene Zukunft aussieht, weiß Wolfson noch nicht: „Ich brauche nun ein bisschen Zeit um darüber nachzudenken wer ich bin, wenn ich nicht ‚Mister Marriage‘ bin“, lächelt Wolfson.
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