Burgtheater-Vestibül als Museum: Heiner Müllers „Hamletmaschine“
Wien (APA) - 38 Jahre ist es her, doch es scheint eine Ewigkeit: Heiner Müller schrieb „Die Hamletmaschine“ 1977, als Wende, Mauerfall, der ...
Wien (APA) - 38 Jahre ist es her, doch es scheint eine Ewigkeit: Heiner Müller schrieb „Die Hamletmaschine“ 1977, als Wende, Mauerfall, der Siegeszug des Kapitalismus und der aufkommende Zweifel daran in weiter Ferne waren. Insofern scheint es folgerichtig, dass die 1988 geborene Regisseurin Christina Tscharyiski ihre Inszenierung im Museum ansiedelt. Näher kommt uns der komplexe Text dadurch jedoch nicht.
Bühnenbildnerin Sarah Sassen hat für die 70-minütige Produktion, die am Freitagabend Premiere hatte, die winzige Bühne des Burgtheater-Vestibüls in einen dunkelgrünen Museumssaal verwandelt. Hier verstauben Artefakte wie der Teil einer glänzender Rüstung, hier liegt auch sonst manches im Argen: Eine Vitrine ist leer, in der Rückwand prangt ein Loch. Eine Wandtafel verrät: Hier sollte die ertrunkene Ophelia, ein Gemälde des Präraffaeliten John Everett Millais (1829-1896) hängen. Doch wir befinden uns offenbar doch nicht in der Tate Britain, denn Ophelia persönlich, in Gestalt von Marie-Luise Stockinger durch ein knapp oberhalb des Bodens befindliches Klapptürchen auf die Szene gerutscht, holt von nebenan einen großen, ausgestopften Tierschädel, den sie vergeblich aufzuhängen sucht.
Erst der junge Hamlet (Christoph Radakovits) schafft‘s, die Trophäe an die Wand zu wuchten, die mehr einem Auerochsen als dem Stier, der einst Europa entführte, gleicht. Dass die Sorgfalt, die er beim Transport einer kleinen geschnitzten Skulptur aufwendet, vom alten Hamlet (Ignaz Kirchner) - uuups! - gleich wieder zunichtegemacht wird, ist einer der Kollateralschäden, die in Geschichte und Kultur Europas eben immer wieder vorkommen. Man sieht: An Anspielungen mangelt es nicht. An Klarheit jedoch sehr wohl.
Heiner Müller, dessen 20. Todestag am 30. Dezember begangen wird, vereinte sprachliche, gedankliche und politische Schärfe. Seine Stücke, in den 1980er-Jahren viel gespielt, zwingen zum Hinhören und Mitdenken. Sie sind Herausforderung, nicht Anbiederung. Die Zeit hat nicht für ihn gearbeitet, seine Texte sind an den Theatern rar geworden. Umso größer wäre die Chance, sie neu zur Diskussion zu stellen: Dafür müsste man ihnen zunächst aber erst Gehör verschaffen. Tscharyiski nutzt diese Chance nicht, da sie auf Übermalung und Überfrachtung setzt, wo schon das Original schwierig genug zu dechiffrieren ist.
Textpassagen ohne Verfallsdatum wie „Ich bin Ophelia. Die der Fluß nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis.“ oder „Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr. Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen.“ huschen an einem vorüber, überschattet von ständigen Aktivitäten, deren Sinn sich kaum erschließt. Es herrscht ein beständiges An- und Ausziehen, Hin- und Hergeschiebe. Doch das Räderwerk der Hamletmaschine greift nicht mehr. Der Stier bekommt Nasenbluten. Und Elektra verkündet aus der Vitrine: „Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“ Noch ist es nicht soweit. Bis dahin: freundlicher Applaus.
(S E R V I C E - „Die Hamletmaschine“ von Heiner Müller, Regie: Christina Tscharyiski, Bühne: Sarah Sassen, Kostüme: Lejla Ganic, Musik: Kyrre Kvam, Mit Ignaz Kirchner, Christoph Radakovits und Marie-Luise Stockinger, Nächste Vorstellungen im Burgtheater-Vestibül: 18., 24. und 27. Oktober sowie am 2., 5. und 9. November, Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)
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