Kulturrevolution bei der IG Metall

Frankfurt (APA/AFP/dpa) - Fast 500 Delegierte der größten Einzelgewerkschaft der Welt, der IG Metall, versammeln sich ab Sonntag auf dem Fra...

Frankfurt (APA/AFP/dpa) - Fast 500 Delegierte der größten Einzelgewerkschaft der Welt, der IG Metall, versammeln sich ab Sonntag auf dem Frankfurter Messegelände zum einwöchigen Gewerkschaftstag. Auf dem Programm steht am Dienstag auch die Wahl eines neuen Vorstands. Sollten die Delegierten dem Vorschlag des amtierenden Vorstands folgen, kommt es zu einem Kulturwandel an der Spitze der Gewerkschaft.

Mit Jörg Hofmann, der Erster Vorsitzender werden soll, und der künftigen Nummer zwei, Christiane Benner, steht ein Führungsduo zur Wahl, das nicht die klassische IG-Metall-Biografie vorweisen kann. Die 47-jährige Benner ist für die Metaller sogar eine Kulturrevolution im doppelten Sinne:

Erstens wird sie in vier Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit die erste Frau an der Spitze der mächtigen Gewerkschaft sein - denn traditionell beerbt bei der IG Metall der Zweite Vorsitzende den Ersten. Hofmann, geboren am 3. Dezember 1955, ist beim nächsten Gewerkschaftstag fast 64 und eine zweite Amtszeit gilt als unwahrscheinlich. Frauen sind in der Gewerkschaft unterrepräsentiert: Unter den Delegierten des Gewerkschaftstages sind rund 28 Prozent Frauen, insgesamt sind nur 18 Prozent der IG-Metall-Mitglieder weiblich.

Zweitens wäre die Wahl Benners besonders, da die gebürtige Aachnerin mit randloser Brille und kinnlangem braunem Haar keine klassische Gewerkschafter-Karriere vorweisen kann. Im Gegensatz zum derzeitigen Chef Detlef Wetzel oder zu dessen Vorgänger Berthold Huber hat Benner keine Ausbildung in der Branche absolviert. Sowohl Wetzel als auch Huber sind gelernte Werkzeugmacher, Benner dagegen ist studierte Soziologin.

Auch Hofmann steht in diesem Sinne für eine Kulturrevolution. Der Diplom-Ökonom mit graumeliertem Haar und schwäbischem Zungenschlag ist ebenfalls kein ausgebildeter Metaller. Dafür hat Hofmann reichlich Erfahrung im Kerngebiet der Gewerkschaft, der Tarifpolitik: Von 2003 bis 2013 war er Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg und handelte zahlreiche Pilotabschlüsse aus - zum Beispiel zur Altersteilzeit oder Leiharbeit. Der Arbeitgeberseite ist er daher bestens bekannt: Hofmann sei ein „sehr erfahrener Tarifverhandler der sich schnell in die andere Dimension seines neuen Amtes einarbeiten wird“, lobt Oliver Zander, der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall.

Benner, die seit 2011 Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der Gewerkschaft ist, hat zwar vergleichsweise wenig Erfahrung in der Tarifpolitik gesammelt, dafür besetzt sie für die IG Metall eines der wichtigsten Zukunftsthemen: die sogenannte Industrie 4.0. Wie zentral das Thema für die IG Metall ist, zeigt ein Blick auf das Programm des Gewerkschaftstages: Viele Anträge, die dort diskutiert werden sollen, beschäftigen sich mit der Digitalisierung von Arbeit, den Chancen und Risiken, die sie für die Beschäftigten der Branche mit sich bringt.

Benner hat viel über ihr thematisches Steckenpferd gesprochen und Gastbeiträge in Zeitungen über die Schattenseiten der Digitalisierung veröffentlicht. Die entscheidende Frage für sie sei, wer „am Ende des Tages wirklich von diesen neuen Möglichkeiten“ profitiere, die „Beschäftigten oder die Unternehmen?“ Denn Gewerkschaften gingen nicht davon aus, dass die Potenziale sich automatisch zugunsten der Beschäftigten realisierten, schrieb Benner im Mai in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung „Neues Deutschland“. Mit Benner an der Spitze dürfte die Gewerkschaft ihren Einfluss auf diesem Gebiet weiter ausbauen.

Hofmann hat bereits im Vorfeld Widerstand gegen die Sparpläne bei Volkswagen angekündigt. „Die Belegschaften bei VW und bei den Zulieferern treffen an dem Skandal keine Schuld“, sagte Hofmann in einem Interview der „Bild am Sonntag“. „Es macht mich wütend, dass die Beschäftigten jetzt Angst um ihre Zukunft haben müssen.“ Die Gewerkschaft werde alles tun, damit die Belegschaft nicht ausbaden müsse, was Manager angerichtet hätten.

Hofmann griff die Eigentümer des Autobauers an. Sie hätten ebenfalls eine „unrühmliche Rolle“ gespielt. „Ohne die starke Rolle von Betriebsrat und IG Metall würde heute noch nicht konsequent aufgeklärt“, sagte Hofmann weiter. Der 59-Jährige stellt sich am Dienstag für den Chefposten der Gewerkschaft zur Wahl. Der bisherige Zweite Vorsitzende soll Detlef Wetzel folgen, der nach zwei Jahren an der Gewerkschaftsspitze seinen Abschied nimmt.