„Gesunde Portion Respektlosigkeit“: Glen Hansard in Wien gefeiert
Wien (APA) - Sieben Jahre sind seit dem Oscar für den „Once“-Titelsong „Falling Slowly“ vergangen. Wie eine riesige Welle sei der Erfolg übe...
Wien (APA) - Sieben Jahre sind seit dem Oscar für den „Once“-Titelsong „Falling Slowly“ vergangen. Wie eine riesige Welle sei der Erfolg über ihn geschwappt, sagt Glen Hansard, habe Neues geschaffen und vieles zerstört. Mit seinem zweiten Soloalbum „Didn‘t He Ramble“ ließ der irische Folksänger all das hinter sich. Und feierte am Samstagabend triumphalen Neuanfang im bebenden Wiener Konzerthaus.
Ein bisschen von seiner Indierockband The Frames und sehr viel vom aus „Once“ entwachsenen Duo The Swell Season habe sein erstes Solowerk „Rhythm and Repose“ 2012 noch enthalten, sagte Glen Hansard im Vorfeld seines Wien-Konzerts im APA-Interview. „Erst jetzt habe ich mein erstes eigentliches Soloalbum gemacht.“ Zuversichtlicher und selbstbewusster klingen die Songs auf „Didn‘t He Ramble“, zeugen davon, dass „ich die Welt wieder mit jungen Augen sehe. Mich erinnere, warum ich überhaupt angefangen habe, Songs zu schreiben.“
Das Album sei sein bisher schwierigstes gewesen, „weil ich versucht habe, tiefer zu gehen“. Die Ironie dabei: „Je tiefer ich gegraben habe, desto simpler sind die Songs geworden“, lachte Hansard, der die Texte konstant um- und neu schrieb. So wurde aus „Losing Streak“ über einen Freund mit Pechsträhne der Song „Winning Streak“ über einen Freund mit Gewinnserie. „Nichts ist einfacher für einen Songwriter, als über Schmerz und Trauer zu schreiben, weil sich jeder damit identifizieren kann. Was wirklich schwierig ist, ist, einen ermutigenden Song zu schreiben. Aber ich habe gemerkt: Wenn ich ihn so singe, bin ich ehrlicher.“
Auf der Bühne des gediegenen Wiener Konzerthauses, mit gedimmtem Licht ein möglichst intimes Setting erzeugend, entfaltete sich die Kraft dieser Songs erst so richtig. Harmonisch und gleichberechtigt standen die hoffnungsvollen Hymnen neben früheren, oft von Herzschmerz getragenen Liedern. Der Album-Opener „Grace Beneath The Pines“ gab auch live die Stimmung vor, startete akustisch, ehe langsam die drei Streicher und drei Bläser einsetzten. Der kleine, leise Song, der sich zum lauten, dramatischen Finale steigert, ist Hansards Qualität - nicht zuletzt dank seiner kraftvollen, immensen Stimme, die auch fernab vom Mikrofon den Raum ausfüllt.
„Als Musiker kommst du jeden Tag in eine neue Location und dein Job ist immer ein anderer“, meinte Hansard, der sich einst als Straßenmusiker in Dublin durchschlug. „Hätte ich ein durchgetaktetes Konzert, das ich probe und rigoros durchziehe, würde der Raum mir entgegnen: ‚Du kannst das hier nicht tun.‘“ So ideal die Akustik des Konzerthauses, so einschränkend sei seine Struktur. „Diese Räume sind wie Kirchen gebaut, als Orte der Verehrung von Kultur, nicht Religion. Die Aufgabe des Publikums ist es, da zu sitzen und still zu sein, während sich der Künstler ausdrückt. Jedes Geräusch ist eine Beleidigung“, so der Musiker, der dagegen ein einfaches Rezept hat: „Da braucht es eine gesunde Portion Respektlosigkeit neben einer gesunden Portion Respekt.“
Respektlosigkeit, das heißt bei Hansard vor allem eines: Natürlichkeit. Unterstützt von einer - je nach Song - bis zu neunköpfigen Band, strotzte er an diesem Abend nur so vor Spielfreude, erzählte Anekdoten und hatte sichtlich Spaß an rockigen Ausreißern ebenso wie an einer mitten im Zuschauerraum vorgetragenen Akustik-Zugabe von „Gold“ und „Say It To Me Now“. Viele weitere Songs vom „Once“-Soundtrack waren an diesem Abend zu hören - neben dem obligatorischen, noch immer Gänsehaut erzeugenden „Falling Slowly“ auch „When Your Mind‘s Made Up“, das sich dank starkem Band-Einsatz zur energetischen Rockballade steigerte. Vom neuen Album entwickelten vor allem „My Little Ruin“ durch stetige Tempo- und Lautstärkewechsel und „Lonely Deserter“ dank Posaunist Curtis Fowlkes live ein Eigenleben.
So wie sich die Songs ihre Wege bahnten, so machte sich auch Hansard das Konzerthaus zu eigen: Traute er sich anfangs kaum, „Fuck“ in diesen „heiligen“ Hallen auszusprechen, mutete er gegen Ende seines Gigs fast schon wie der Priester einer Gospelkirche an. Die Arme in die Höhe gestreckt, die Finger zitternd und mit voller Inbrunst das fantastisch soulige „Her Mercy“ samt „Rock Me Amadeus“-Einsprengsel ins Mikrofon schmetternd, machte der Musiker das erst so schüchterne Publikum doch noch zu seinem ganz persönlichen „Wiener Gospelchor“. Zu diesem Zeitpunkt waren die engen Strukturen längst aufgebrochen, strömten die hinteren Reihen Richtung Bühne und hielt es kaum noch jemanden auf seinem Sitz.
Würde Hansard tatsächlich eine Predigt halten, ginge es womöglich um Erfolg. Darüber, wie sehr wir alle nach ihm streben, und wie er uns - wie in Hansards Fall - schon mal „erschöpft“ und „gebrochen“ zurücklassen kann. „Den Fehler, den Musiker oft machen, ist die Annahme, dass die Musik ihnen dient. Aber wir dienen der Musik. Und wenn wir das gut machen, können wir von ihr leben“, weiß Hansard, dessen Beziehung mit seiner Film-, Musik- und Lebenspartnerin Marketa Irglova nach dem Oscar-Gewinn zerbrach. „Es ist erstaunlich, wie schnell man das vergisst. Und wie schnell einen dann die Muse, dieses komische, ätherische Wesen, verlässt.“
Ein brandneuer Song, das hörbar Americana-beeinflusste „Way Back In The Way Back“, bestätigte beides: Die Muse ist noch da, und die Bodenständigkeit gefestigt. „Ich singe diesen Song für alle Leute auf dem Bahnhof“, sagte Hansard, der wenige Stunden zuvor am Wiener Hauptbahnhof für ankommende Flüchtlinge und die Helfer der Initiative „Train of Hope“ u.a. seinen „Song of Good Hope“ gesungen hatte. „Als Ire, dessen Vorfahren einst millionenfach wegen der Großen Hungersnot ausgewandert sind, verstehe ich diese Reise“, meinte Hansard, der mit seinem Auftritt „ein wenig Trost spenden“ wollte. In Wien ist ihm das am Samstag gleich zweimal gelungen.
(S E R V I C E - http://glenhansardmusic.com)
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