Früher Schnee am Berg als unterschätzte Gefahr
Auch wenn er im Tal noch länger auf sich warten lassen sollte, herrscht in Höhen über 2000 Metern bereits Winter und damit Lawinengefahr.
Von Nikolaus Paumgartten
Innsbruck –Wenn Rudi Mair sich etwas wünschen könnte, dann wäre das der erste Schneefall der Saison in Höhen über 2000 Metern Ende November oder Anfang Dezember. 30 Zentimeter, ein paar Tage Pause und wieder 30 Zentimeter. „Denn dann“, so erklärt der Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol, „hätte der Schnee die besten Voraussetzungen, sich zu setzen und zu verfestigen.“ Es wären die besten Vorzeichen für einen Winter mit möglichst wenig Lawinen.
Die Realität hat jedoch in den vergangenen Jahren zumeist anders ausgesehen und das Wetter hat heftige Wintereinbrüche zum Teil bereits im September gebracht. Mit dem Schnee kehrt auch die Lawinengefahr zurück: So ereignete sich am vergangenen Samstag im Brandnertal in Vorarlberg (Bezirk Bludenz) ein Lawinenunglück, bei dem ein 38-jähriger Bergsteiger ums Leben kam. Eine dreiköpfige Gruppe hatte ein Schneebrett ausgelöst und war verschüttet worden. Während sich die beiden Begleiter befreien konnten, kam für den Familienvater jede Hilfe zu spät.
„Es ist nicht ungewöhnlich, dass wir Anfang oder Mitte Oktober die ersten Lawinenereignisse haben“, weiß Rudi Mair aus seiner langjährigen Erfahrung zu berichten. Der frühe Schnee auf den Bergen birgt gleich mehrfache Risiken. „Die Leute sind mit dem Kopf oft noch bei ihren letzten Wandertouren und unterschätzen die Gefahren“, weiß Lawinenexperte Rudi Mair. „Dabei ist klar, dass wir in 2000 Metern Höhe jetzt schon Winter haben – mit allem, was dazugehört.“ Schattseitig bleibe der Schnee liegen, Wind sorge für Verfrachtungen. Damit würden im Oktober dieselben Regeln für Bergfexe gelten wie im Dezember oder Februar. „Vorsichtig sein und ein großes Maß an Eigenverantwortung“ empfiehlt Mair jenen, die im Gebirge unterwegs sind.
Mit den aktuellen Niederschlägen wird laut Rudi Mair außerdem die Grundlage für den weiteren Verlauf der Lawinen-Saison geschaffen. Das Weiß, das sich in den vergangenen Tagen über die Tiroler Bergwelt gelegt hat, wird als Gefahrenmuster unter der Bezeichnung „bodennahe Schwachschicht aus dem Frühwinter“ geführt und die Lawinenexperten die kommenden Monate als solche immer wieder begleiten. „Dieser Schnee ist ein schlechtes Fundament und hauptverantwortlich für Schneebretter, die mit 90 Prozent die am häufigsten von Wintersportlern ausgelöste Lawinenart sind“, erklärt Rudi Mair. Denn die kantige, bindungslose Decke wirke wie ein Kugellager, auf dem nachkommende Schneemassen leicht abrutschen können. „Hier wird also die Basis für die Schneebretter des kommenden Winters geschaffen“, fasst der Experte zusammen.
Tägliche Neuigkeiten über die Lawinengefahr gibt es auf der Homepage des Lawinenwarndienstes (www.lawine.tirol.gv.at) noch nicht. Mit einem ersten allgemeinen Eintrag im Lawinen-Blog wurde jedoch gestern Nachmittag die Saison offiziell eröffnet.
So richtig in den Winter starten Rudi Mair und sein Kollege beim Lawinenwarndienst Tirol, Patrick Nairz, Ende November/Anfang Dezember. Bis dahin stehen bei den beiden wie schon den ganzen Sommer und Herbst über zahlreiche Vorträge und Veranstaltungen auf dem Programm.
Kommentare