Weder Sintfluten noch Grenzzäune können Flüchtlinge aufhalten

Tovarnik/Wien (APA/dpa) - Wolkenbruchartige Regenfälle sind in den letzten Tagen über Kroatien und Serbien niedergegangen. Teilweise hat es ...

Tovarnik/Wien (APA/dpa) - Wolkenbruchartige Regenfälle sind in den letzten Tagen über Kroatien und Serbien niedergegangen. Teilweise hat es so viel an einem Tag geregnet wie sonst in einem Monat. Doch der Flüchtlingstreck vieler Tausender auf der Balkanroute in Richtung Österreich und Deutschland ist nicht gestoppt worden. Auch nicht durch die Abriegelung der Grenze zu Kroatien durch Ungarn mit Stacheldraht Samstagnacht.

Die Route ist nur leicht verändert. Statt über Ungarn läuft sie seit dem Wochenende über Slowenien. Sredisce ob Dravi ist der erste slowenische Ort nach der Grenze zu Kroatien, das mit Zügen und Dutzenden Bussen die aus Serbien ankommenden Menschen hierher transportiert. Die Busse mit Flüchtlingen aus Syrien, Pakistan, Afghanistan oder dem Irak parken 200 Meter vor dem Eingang des Aufnahmelagers in Reih und Glied. Polizisten in Spezialausrüstung beobachten die Szene.

Die Registrierung der Ankömmlinge in Zelten geht zügig. Viele wie Mohammad Ahmad aus dem irakischen Kirkuk mit seiner Familie oder die Syrer Ahmad (24) aus Al-Hassaka und Emad (30) aus Homs fragen immer wieder, ob die Abgabe von Fingerabdrücken für sie später nachteilig sein könnte. Viele wissen gar nicht, in welchem Land sie sich befinden oder welches ihre nächste Wegstation sein wird.

Die anfangs monatelange und gefährliche Tour aus der Türkei über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn oder jetzt Kroatien und Slowenien ist heute deutlich kürzer geworden. Die Flüchtlinge brauchen nicht mehr als sieben Tage dafür. Der Grund: „Alles ist bestens organisiert“, sagt Halid aus Syrien am Sonntag in Sredisce ob Dravi. Alle Staaten auf der sogenannten Balkanroute wiesen die Menschen genau an, wie sie schnellstens weiterkommen können.

Jetzt läuft alles wie am Schnürchen. Auch in der kroatischen Gemeinde Tovarnik an der Grenze zu Serbien. „Alles ist klasse organisiert“, lobt Abdullah (25) aus Syrien. Hierher kommen die Menschen aus dem kroatischen Erstaufnahmelager Opatovac. Dann geht es weiter mit Sonderzügen und -bussen an die slowenische Grenze. Zwei 15 und 17 Jahre alten jungen Männer aus Nangarhar in Afghanistan haben überhaupt keine Ahnung, wo sie sich befinden und wohin sie als nächstes gehen werden. Nur ihr Ziel ist klar: „Wir wollen nach Deutschland!“.

Alle Länder an der Balkanroute sehen sich einzig als Transitländer für Westeuropa und vor allem Deutschland. Daher ist die Furcht wie zum Beispiel bei der kroatischen und slowenischen Regierung groß, dass auch Österreich und Deutschland ihre Grenzen abschotten. In diesem Fall werde man auch die eigenen Grenzen dichtmachen, wird angekündigt. Die kroatische Opposition sieht am Sonntag bereits eine „humanitäre Katastrophe“ aufziehen.

Schon in den nächsten Tagen kann es eng werden auf der Balkanroute. Das kleine Euroland Slowenien hat angekündigt, es könne pro Tag maximal 2.500 Flüchtlinge registrieren und durchschleusen. Der große Rest müsse eben warten. Allein am Samstag waren in Kroatien 6.415 Flüchtlinge angekommen, zählte das Innenministerium. Die Folge: In Serbien warteten an der Grenze zu Kroatien am Sonntag 40 Busse auf ihre Einreise. Und das kroatische Erstaufnahmelager Opatovac war mit knapp 4.000 Menschen überfüllt. In den nächsten Tagen ist offensichtlich mit noch größeren Staus zu rechnen.