Der Teufel pfeift aufs Oktoberfest
Roland Schwab inszeniert Arrigo Boitos „Mefistofele“ an der Bayerischen Staatsoper.
Von Jörn Florian Fuchs
München –Herbst in München, das Oktoberfest ist vorbei, die Blätter fallen, in den Läden rüstet man sich allmählich fürs Weihnachtsgeschäft und die Bayerische Staatsoper beginnt ihre Saison. Mit einem Stück, das irgendwie perfekt zum dekadenten Drumherum passt: Arrigo Boitos „Mefistofele“ ist eine sehr komprimierte und ziemlich kompromisslose Bearbeitung des Goethe-Stoffs, verknüpft werden schlaglichthaft Fausts Teufelspakt, Gretchen-Tragödie sowie die arkadische Erlösungsfantasie rund um Helena. Boito (1842–1918) war ein Multitalent, er wirkte als Kritiker, Lyriker und Librettist. Seine kompositorischen Erfolge hielten sich Grenzen. „Mefistofele“ wurde 1868 an der Mailänder Scala uraufgeführt und ist die einzige vollendete Oper Boitos. Das Stück indes besticht durch großartige Kontrastwirkungen, scharfe Mischungen und Brechungen unterschiedlicher Texturen. Man hört aufgepeitschte orchestrale Tutti, sinnlich überquellende Choräle oder stupend virtuose vokale Soli.
Bei der Uraufführung fiel das Stück durch, heute wirkt es wohltuend widerborstig gegenüber Faust-Klassikern wie dem von Charles Gounod. Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters behält Omer Meir Wellber die Übersicht und dirigiert mit mal heftigen, mal schlangenhaften oder wellenförmigen Bewegungen. Solch eine überdrehte Taktstockchoreographie hat man lange nicht mehr gesehen. Das Ergebnis jedoch stimmt. René Pape singt Mefistofele mit klaren, starken Basslinien und beherrscht auch das kunstvolle Pfeifen, das zu dieser Partie gehört. Das bzw. der Böse darf nämlich ab und an humorvoll oder auch bedrohlich die Lippen schürzen. Toll ist auch Joseph Callejas Faust, alles klingt fein und dynamisch. Nur Kristine Opolais’ Margherita wandelt sich vokal leider vom hübsch tönenden Liebchen zur allzu rau und ungenau timbrierten Kindsmörderin.
Boitos Umgang mit dem Faust-Stoff ist musikalisch und dramaturgisch ziemlich wild, nach einem absurd langen, elysischen Vorspiel geht es durch irdische und unterirdische Sphären in Richtung Arkadien, da kann sich eine Regie nach Herzenslust austoben. Roland Schwab tut dies in der ersten Hälfte ausführlich. Mefistofele ist offenbar Anführer eines Clans übler Gestalten, er inszeniert für seine Gesellen und natürlich auch für seinen neuen Fan Faust ein düsteres Welttheater, es gibt reale und virtuelle Reisen auf dem Motorrad oder mit Datenbrillen. Oft kracht, blitzt, donnert und brennt es auf der Bühne und dann zumeist passenderweise auch im Graben. Höhepunkt ist eine Party samt Karussellfahrt auf der Münchner Wiesn, oberflächlich amüsiert man sich, doch darunter lauern Abgründe. Fausts Adlatus Wagner bekommt vom Teufel ein Lebkuchenherz umgehängt auf dem „I mog di“ steht und das doch rasch zerbröselt, während sein Besitzer hilflos herumtaumelt.
Letztlich bleibt das Ganze etwas zu plakativ und dekorativ, aber der Unterhaltungsfaktor ist gewaltig. In der Helena-Welt befinden wir uns dann in einem Pflegeheim für Demenzpatienten, die am Ende plötzlich wieder zu Bewusstsein kommen – ein kleines, schönes Hoffnungszeichen in Schwabs ansonsten düster apokalyptisch gezeichneter Welt, die von zwei riesigen gebogenen Stahlgerüsten umgrenzt wird.
Das Publikum reagierte mit einigem Jubel und ein paar diabolischen Missfallensäußerungen gegenüber der Regie.