53. Viennale - „To The Wolf“: Verstörendes, ländliches Griechenland
Wien (APA) - Von wegen ländliche Idylle: Das Griechenland, das in „To The Wolf“ gezeigt wird, ist alles andere als ein heimeliger Rückzugsor...
Wien (APA) - Von wegen ländliche Idylle: Das Griechenland, das in „To The Wolf“ gezeigt wird, ist alles andere als ein heimeliger Rückzugsort. Der Film von Christina Koutsospyrou und Aran Hughes, der am Mittwoch bei der Viennale zu sehen ist, führt stattdessen ländliche Abgründe vor Augen. Ein verstörender Blick auf jene, die von der Gesellschaft vergessen worden sind.
Im Fokus der beiden Filmemacher stehen zwei Hirtenfamilien, die sie in Westgriechenland vier Tage lang begleitet haben. Ihr Leben als entbehrungsreich zu bezeichnen, gleicht einer Verhöhnung der Umstände. Zwischen hochaufragenden Strommasten, die als Sinnbild für die vorbeigeleitete moderne Welt dienen, und kargen Felshängen werden Ziegen umsorgt, das Feuer in den Baracken am Lodern gehalten oder starr in die Ferne geblickt. Gesprochen wird in diesen Wänden nicht viel, und wenn, sind es resignierende Sätze. „Griechenland ist fertig. Es ist tot“, ist man sich hier sicher.
Heutzutage evoziert das natürlich sofort Bilder von Krise und Protest. Aber eigentlich ist „To The Wolf“ ein zeitloses Dokument des stetigen Abstiegs. Mit langen, ruhigen Einstellungen und einer atmosphärisch passend gesetzten musikalischen Umrahmung wird ein düsteres Stimmungsbild von Menschen gezeichnet, denen nicht nur die aktuelle Krise zu schaffen macht. Zwischen Dokumentar- und Spielfilm changierend, ist man sich nie ganz sicher, welche Position die Filmemacher selbst einnehmen und inwiefern die durchaus poetischen Bilder inszeniert wurden. Es bleibt letztlich aber egal, denn die emotionale Dichte, die eingefangen wird, erfüllt jegliche Authentizitätsansprüche.
Die Protagonisten bewegen sich nicht am Rande der Existenz, sondern sind offenbar längst über diese Grenze hinausgegangen. „Es gibt keine Arbeit, es gibt kein Geld“, heißt es an anderer Stelle. Die Männer pendeln zwischen Resignation und Wut, ertränken ihren Kummer in Alkohol und betäuben sich durch reichlich Zigarettenrauch. Hier zeigt sich auch die Ambivalenz der globalen Konsumgesellschaft: Denn selbst im abgelegensten Winkel Griechenlands werden US-amerikanische Zigaretten geraucht und wird holländisches Bier getrunken, während das wenige Guthaben am Handy sorgsam eingesetzt wird. Nur für wirklich Essenzielles wie Lebensmittel reicht es oft nicht.
„Wir leben keinen Albtraum, sondern etwas Schlimmeres...“, tönt es aus einer Nachrichtensendung im Fernsehen. In den Gesichtern der Menschen, die dabei auf den Bildschirm blicken oder ihre Augen gar schon gesenkt haben, zeigt sich die Bedeutung einer solchen Behauptung nur zu deutlich. Als Film für den Griechenland-Schwerpunkt der diesjährigen Viennale ist „To The Wolf“ vielleicht der passendste Vertreter: Gleichermaßen werden hier aktuelle Geschehnisse aufgenommen und kommentiert, wie die griechisch-britische Koproduktion auch eine gewisse Allgemeingültigkeit aufweist. Diese nüchterne Deutlichkeit muss man erst einmal verdauen.
(S E R V I C E - Einziges Viennale-Screening von „To The Wolf“ (Sto Lyko) am Mittwoch, 4. November, um 20.30 Uhr im Metro Kino, www.viennale.at, http://tothewolffilm.com)
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