ÖBB-Chef Kern: "Der Politik fehlen die Ziele“
ÖBB-Chef Christian Kern spielt eigene politische Ambitionen hinunter. Umso klarer ist sein Bild davon, was den Regierenden fehlt. In der Flüchtlingskrise fordert der Manager grundlegende Entscheidungen ein.
Wien –Politik ist für Christian Kern ein „sehr unterhaltsames Vergnügen“ – dann nämlich, wenn man es wie die berühmten Muppets vom Balkon aus betrachte, ergänzte der ÖBB-Chef gestern Abend als Gast in der Lounge der Tiroler Tageszeitung in Wien. Er weiß freilich auch, dass sein Name immer dann fällt, wenn von der Führungsdebatte in SPÖ und Bundesregierung die Rede ist. „Alles Spekulation“, meint Kern im Gespräch mit TT-Chefredakteur Alois Vahrner und Ex-Nationalratspräsident Andreas Khol: „Nachdem der aktuelle Bundeskanzler kein Zeichen von Amtsmüdigkeit zeigt, macht es keinen Sinn, sich damit auseinanderzusetzen.“
Dennoch: Christian Kern ist ein durch und durch politischer Mensch. Auch sein aktueller Job bei der Bahn ist für ihn mehr als eine normale Managementtätigkeit. Die ÖBB trage vielmehr auch Verantwortung für den Wirtschaftsstandort. Beispiel Rauch in Ludesch (Vorarlberg), der Fruchtsaftproduzent füllt dort den Dosendrink Red Bull für den ganzen Weltmarkt ab: Die ÖBB hätten dort mit dem Unternehmen ein Konzept für den Transport per Bahn entwickelt, so wie auch mit dem Stahlproduzenten voest in der Steiermark. Genau in derartigen Kooperationen sieht Kern auch den Mehrwert des Staatseigentums an Infrastrukturbetreibern: „Wir machen das. Wären wir ein privates Unternehmen, würde ich sagen, sorry, aber wir haben keine Standortverantwortung.“
Gleichzeitig beschreibt sich Kern aber als „absoluter Verfechter von marktwirtschaftlichen Strukturen“. Auch die ÖBB lebten im Wettbewerb, vor allem in der Gütersparte, und zwar in Österreich mit fast 30 Mitbewerbern und in 18 europäischen Ländern, in denen die Rail Cargo Group aktiv sei. Im Wettbewerb und im Vergleich zu anderen Bahnen sieht er auch die Basis dafür, das Unternehmen effizient zu führen. Bei den ÖBB sieht er sich nach fünf Jahren an der Spitze auf einem guten Weg. Ein Zeichen dafür sieht er im jüngst beschlossenen, 14,5 Milliarden Euro schweren Rahmenplan für die Investitionen der kommenden Jahre (siehe Geschichte unten): Die Vorhaben seien ohne große Debatte beschlossen worden – vor fünf Jahren hingegen hätte der nunmehrige ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka „jede Wurstsemmelbeschaffung“ kritisiert.
Und was hält Kern sonst von den Regierenden? Den Arbeitsmarktgipfel vom vergangenen Freitag sieht er kritisch; zwar seien es schwierige Zeiten, in denen es keine einfachen Lösungen gebe, in einigen Jahren werde von diesem Event aber wohl niemand mehr sprechen.
Überhaupt vermisst Kern Ziele und Visionen: „Was uns im Moment in der Politik abgeht, ist eine Vorstellung, wo wir in fünf Jahren sein werden.“ In das Lamento des „Reformstaus“ wolle er zwar nicht einstimmen, die Problembereiche seien mit Bildung, Innovation und Infrastruktur aber klar. Ein Ziel könne etwa sein, eine österreichische Universität in die Top Ten der europäischen Hochschulen zu bringen.
Eine Alternative zur rot-schwarzen Koalition sieht Kern dennoch nicht. Er positioniert sich vielmehr klar gegen eine blaue Beteiligung: „Mit einer Regierungsbeteilung der Freiheitlichen kann ich wenig anfangen.“
In der Flüchtlingsfrage fordert Kern „Klarheit“ und ein „Commitment, was wir wirklich wollen“. Die Bevölkerung sei in dieser Frage gespalten, räumt er ein, „man braucht sich da nicht in die Tasche lügen“. Am Ende müsse jedenfalls die Entscheidung stehen, ob Österreich den Zustrom reduzieren solle oder nicht. Letzteres müsse aber bedeuten, alle Folgen mit zu bedenken, von der Wohnungs- über die Gesundheitspolitik bis hin zur Bildung. Die aktuelle Situation sei als „Dauereinrichtung“ nicht haltbar.
Von der Flüchtlingskrise betroffen sind auch die ÖBB, die viele Flüchtlinge transportieren. Sonderzüge müssen eingeschoben werden, Überstunden fallen an, die Reinigungskosten steigen.
Bei der Frage nach einer Rückerstattung der Kosten durch den Staat denkt der Manager dennoch zuerst an die Hilfsorganisationen und nicht an sein eigenes Unternehmen. (sabl)
Kommentare