Evo Morales: Boliviens Staatschef mit indianischen Wurzeln

La Paz (APA/AFP) - Seit knapp zehn Jahren steht Evo Morales als erster indianischer Staatschef an der Spitze Boliviens. So bemerkenswert sei...

La Paz (APA/AFP) - Seit knapp zehn Jahren steht Evo Morales als erster indianischer Staatschef an der Spitze Boliviens. So bemerkenswert sein politischer Aufstieg war, so ertragreich war seine Bilanz nach seinen ersten beiden Amtszeiten. Seit einem Jahr ist er in seiner dritten Amtszeit Präsident des südamerikanischen Landes.

In seiner Autobiografie hat „El Evo“ Morales seine Wurzeln eindrucksvoll beschrieben. Als Sohn einer armen Bauernfamilie von Aymara- und Quechua-Indianern wuchs er in der südlichen Provinz Oruro in einem kleinen Dorf ohne Strom und fließendes Wasser auf. Als kleiner Bub hütete er Lamas, damit seine Familie über die Runden kam, später wurde er Koka-Bauer. Von seinen sieben Geschwistern starben vier an Krankheit oder Unterernährung. „Bis ich 14 war, wusste ich nicht, dass es Unterwäsche gibt“, schrieb er. „Meine Mutter zog mich nur aus, um Flöhe zu suchen oder meine Kleidung an Ellenbogen und Knien zu flicken.“

Anfang der 1980er-Jahre floh Morales vor einer Dürre in die nördlich gelegene Provinz Chapare. Dort lernte er nach einer Privatisierungswelle die Not tausender entlassener Grubenarbeiter kennen, wurde Chef der Koka-Bauernverbände. 1997 folgte die Wahl ins Parlament. Der Sozialist organisierte Proteste mit wochenlangen Straßenblockaden. Im Jänner 2006 wurde Morales schließlich mit 53 Prozent der Stimmen zum Präsidenten von Bolivien gewählt. 2009 und 2014 wurde er erneut im Amt bestätigt.

Der erste von Ureinwohnern abstammende Staatschef des Landes hat Bolivien eine nie da gewesene politische und wirtschaftliche Stabilität gebracht und Millionen seiner Landsleute neue Hoffnung gegeben. Als er 2006 die Amtsgeschäfte übernahm, war Bolivien noch ein Armenhaus Lateinamerikas, die Ureinwohner waren systematisch benachteiligt. „Heute haben wir Würde. Niemals wieder werden wir Bettler sein, niemals wieder gedemütigt“, lautet sein eigenes Resümee.

Die Verstaatlichung des Öl- und Gassektors war eine seiner wichtigsten Maßnahmen, auch, weil sie nicht zur Flucht der internationalen Energiemultis führte. Eines der jüngsten Symbole für den Aufstieg des Landes: Seit vergangenem Jahr surrt eine moderne Gondel über den Dächern von La Paz und lindert das Verkehrschaos. Der Anden-Staat hat einen Satelliten ins All geschossen, international an Statur gewonnen, vor allem aber konnten die Lebensumstände der Bevölkerung verbessert werden.

Den weiteren Kampf gegen die Armut hat der 56-jährige Morales zu seinem wichtigsten Ziel erklärt. Die Regierung trage dafür eine „enorme Verantwortung“, hatte er vor seiner Wiederwahl im vergangenen Jahr gesagt. Und der begeisterte Freizeitfußballer ist dafür unermüdlich im Einsatz, hat oft schon um 05.00 Uhr morgens seine ersten Termine. Nicht selten hält er sich an einem Tag an fünf verschiedenen Orten auf.

Im Amt blieb er seinem Stil treu: dichtes schwarzes Haar kombiniert mit bunter, traditioneller Anden-Kleidung. Morales beschreibt sich selbst humorvoll als „hässlichen schwarzen Indianer mit Papageien-Nase“. Er kämpft für eine internationale Entkriminalisierung des Koka-Anbaus, ruft die USA zu seinem Lieblingsfeind aus und knüpft neue Bündnisse mit dem Iran, Russland und China.

Gegner werfen Morales vor, dass es ihm nicht gelungen sei, Unsicherheit, Drogenhandel und Korruption zu bekämpfen. An seiner Wiederwahl gab es dennoch kaum Zweifel. Erst im vergangenen Monat knackte Morales den Rekord für die längste Amtszeit eines südamerikanischen Präsidenten. 2020 soll eigentlich Schluss sein, so sieht es die Verfassung vor.

Am 21. Februar 2016 sollen die Bolivianer in einem Referendum allerdings darüber abstimmen, ob er für eine weitere fünfjährige Amtszeit kandidieren darf. Morales selbst hatte indes einst gesagt, jenseits der 60 sollte niemand an der Macht bleiben. Er wolle dann ein Restaurant eröffnen.