Wien Modern: Eröffnung mit eindrucksvoller Tondichtung von Boulez
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Wien (APA) - Tondichtung, die ihre beiden Wortbestandteile direkt in Gehörtes übertrug, erklang am Donnerstagabend im Wiener Konzerthaus: Der Auftakt zum 28. Festival Wien Modern brachte mit „Pli selon pli“ von Pierre Boulez ein vielfältiges Werk zu Gehör, mit dem sich der französische Komponist vor seinem Landsmann Stéphane Mallarmé verbeugte. Ein durchwegs lohnender Abend mit einem RSO in Bestform.
Die Programmierung war auch ein Zugeständnis an den Klangkörper, wie Festivalleiter Matthias Losek eingangs erläuterte. Immerhin sei das RSO „ein wesentlicher Pfeiler“ des Festivals. „Möge dieses Orchester auf ewig existieren.“ Den Vorschusslorbeeren wurde das Ensemble mit jeder Faser gerecht: Schon der Auftakt zum fünfteiligen Stück von Boulez, das dieser über eine Zeitspanne von fast 30 Jahren fertiggestellt hat, gelang mehr als eindrucksvoll. „Don“ diente dabei nicht nur als abwechslungsreiche Einführung in die Klangwelt des Franzosen, sondern riss allen voran die kontrastreiche Dynamik des Kommenden an.
Dies war vor allem ein Verdienst von Cornelius Meister am Pult, der die erste Viertelstunde des Abends nutzte, um die Gegensätze besonders deutlich hervorzuarbeiten. Wo forsche Ausbrüche der bedächtigen Stille gegenüberstanden, behielt er stets den Überblick und führte mit sicherer Hand durch den nuanciert gestalteten Klangwald. Zu einer stärkeren Verquickung kam es in den mittleren „Improvisationen“, die mehr als die Hälfte des Werks ausmachen. Analog zu den titelgebenden Falten konnte man sich hier in den einzelnen Windungen verlieren, erzeugten Orchester und Marisol Montalvos Sopran einen einnehmenden Sog von hypnotischer Wirkung. Die textlich zugrunde liegenden Gedichte von Mallarmé brachen dabei immer wieder aus der Sängerin heraus, um im nächsten Moment zart in den Raum gestellt zu werden.
Natürlich dauert es, um sich in der musikalischen Gedankenwelt von Boulez zurecht zu finden. Ein falsches Sicherheitsgefühl ist aber ohnedies nicht angebracht, wie schließlich das Finale mit „Tombeau“ untermauerte: Dieser sich stetig steigender Rausch von beinahe animalischer Kraft komplettierte die inhaltliche Klammer aus Geburt und Tod, spülte zuvor Angedeutetes erneut an die Oberfläche und brachte das Zwiegespräch aus Stimme und Instrumentalem zur Vollendung. Eine gebührende Ehrerweisung an den Komponisten, der heuer im März seinen 90. Geburtstag gefeiert hat.
Ein inhaltlicher Fokus des diesjährigen Festivals wurde zwar nicht musikalisch, dafür aber theoretisch angerissen: Immerhin hat sich Losek für seine Abschiedsausgabe als künstlerischer Leiter die programmatische Nähe zwischen Neuer Moderne und Populärkultur ausgesucht. Die Musikerin Susanne Kirchmayr alias Electric Indigo, die auch den Klingelton (http://go.apa.at/ODEJ3kjc) gestaltet hat, widmete sich in der Eröffnungsrede Interferenzen und Verknüpfungen von Hoch- und Subkultur, dem Positiven, das sie als kritischer Geist dem Pop abgewinnen könne und schlussendlich der „Suche nach unerhörten Klängen“.
Bei dieser kann man ihr im Übrigen im Rahmen der heute Abend startenden Studionächte im Elektro Gönner zuhören, wo Electric Indigo am 13. November ihre nach Eigendefinition „nicht ganz so leicht zugängliche Musik“ ebenso präsentieren wird wie am 26. November bei „A Phenomenology of Pop“ im Konzerthaus. Sie ist damit nur eine von vielen weiblichen Protagonistinnen des diesjährigen Festivals, bezog sich Losek auf einen Schwerpunkt, der eigentlich selbstverständlich sei, auf den man „aber hin und wieder hinweisen“ könne. Und angesichts der Verschmelzung von Moderne und Pop forderte er das Publikum auf, „die musikalisch-ästhetische Wohlfühlzone“ zu verlassen. „Lassen Sie sich darauf ein.“
(S E R V I C E - Ein Mitschnitt des Eröffnungskonzerts wird heute, Freitag, um 19.30 Uhr auf Ö1 ausgestrahlt; Festival Wien Modern bis 28. November unter dem Motto „Pop Song Voice“; weitere Informationen unter: www.wienmodern.at)
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