Gespielt wird nicht: Politisches Erzähltheater im Schauspielhaus

Wien (APA) - Gespielt wird nicht. Nach der postdramatischen Revue „Punk & Politik“ bietet auch die zweite Produktion des Wiener Schauspielha...

Wien (APA) - Gespielt wird nicht. Nach der postdramatischen Revue „Punk & Politik“ bietet auch die zweite Produktion des Wiener Schauspielhauses unter dem neuen Direktor Tomas Schweigen kein Theaterspiel im herkömmlichen Sinn. „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ erzählt von dramatischen Ereignissen in größtmöglicher Distanz. Erzähltheater pur. Viel Text und wenig Raum, sich darauf einen Reim zu machen.

Der englische Autor, Performer und Musiker Chris Thorpe wird gerade für den deutschsprachigen Raum entdeckt. „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ ist das erste Stück, das von ihm auf Deutsch aufgeführt wird, die Erstaufführung gab es gestern, Freitag, gleich an zwei Theatern, neben dem Schauspielhaus auch am Staatstheater Saarbrücken. Möglicherweise wird man erst nächste Woche besser beurteilen können, was man von seiner Art Zugriff auf politische Themen zu halten hat - da absolviert er persönlich seine angriffige Solo-Show „Confirmation“, in der er die Zuschauer durch verbale Provokationen an die Grenzen ihrer Toleranz heranzuführen sucht. Doch auch der gestrige, 75-minütige Abend verlangte einem gewisse Langmut ab: Zelebriert wurde nämlich eine Art Bilderverbot.

Drei Darsteller (Steffen Link, Sophia Löffler, Vassilissa Reznikoff) hinter drei Schreibtischen. Gelegentlich springen sie auf und laufen auf die Nebenbühne, um vor einer Videokamera Aussagen zu machen. Allmählich schälen sich vier Geschichten heraus: Ein Attentäter, für den wohl Anders Breivik Pate stand, richtet als Muslima verkleidet in einem Jugendparlament ein Massaker an und wird von einem Mann, der dabei ein Auge und drei Finger einbüßt, überwältigt; eine Frau erlebt in einem Flugzeug eine Bruchlandung mit und versucht, ehe sie sich selbst aus dem gleich explodierenden Wrack in Sicherheit bringt, einen eingeklemmten Buben zu befreien; ein Mann hält bei Massenprotesten ganz alleine eine Panzerkolonne auf, Erinnerungen an die berühmten Bilder vom Tiananmenplatz 1989 sind zulässig; eine durch eine Bürgerbewegung an die Macht gekommene Politikerin muss am Balkon feststellen, dass ihr die Menge diesmal nicht zujubelt, sondern lautstark gegen sie protestiert.

Schon klar, es geht um Momente, in denen private und politische Handlungsmöglichkeiten zugespitzt werden, doch auf was die vier miteinander verschnittenen Geschichten hinauslaufen, bleibt im Unklaren. Regisseur Marco Storman lässt mit hohem Tempo den Text abliefern, baut ein paar Mätzchen wie das Ankleben einer Darstellerin an die Seitenwand mit Klebebändern oder einen Kostümwechsel in Ganzkörper-Schutzanzüge ein, was das Ganze aber nur noch rätselhafter macht. Dazu gibt es einen kleinen Clip mit Ausschnitte aus dem Fernseharchiv, lachende Politiker, protestierende, jubelnde und aufmarschierende Menschen. Zu einem schlüssigen Ganzen fügt sich das nicht.

(S E R V I C E - „Möglicherweise gab es einen Zwischenfall“ von Chris Thorpe, Deutsch von Katharina Schmidt, Deutschsprachige Erstaufführung, Regie: Marco Storman, Bühne: Anna Rudolph, Kostüme: Anne Buffetrille, Musik: Thomas Seher, Mit: Steffen Link, Sophia Löffler, Vassilissa Reznikoff, Schauspielhaus Wien, Nächste Vorstellungen: 7., 14., 17., 20., 21., 24., 28.11.; „Confirmation“ von und mit Chris Thorpe, Regie: Rachel Chavkin, Gastspiel in englischer Sprache, 15.11., 20 Uhr, Karten: 01/3170101-18 www.schaupielhaus.at)

(B I L D A V I S O - Bilder liegen im Pressebereich von www.schauspielhaus.at zum Download bereit.)