Hermann Nitsch hört „von morgens bis abends“ Musik

Mistelbach (APA) - „Nitsch und seine Musik“: Unter diesem Titel hat ORF-Ö1-Kulturredakteur Albert Hosp am Sonntag im Nitsch Museum in Mistel...

Mistelbach (APA) - „Nitsch und seine Musik“: Unter diesem Titel hat ORF-Ö1-Kulturredakteur Albert Hosp am Sonntag im Nitsch Museum in Mistelbach ein Künstlergespräch mit Hermann Nitsch über dessen musikalische Einflüsse geführt. Für den Maler und Aktionskünstler ein zentrales Thema, nicht nur im Rahmen seines Orgien-Mysterien-Theaters: „Ich höre von morgens bis abends Musik“, bekannte er.

Hosp präsentierte einen „kleinen Ausschnitt aus dem Plattenschrank“ von Nitsch. Die 20 Hörproben umfassten tibetanische Tempelmusik und gregorianische Choräle - Nitsch dazu: „Eigentlich ist Gregorianik gar nicht einstimmig. Der Hall des Raums spielt mit!“ - ebenso wie Klassik von Bach, Beethoven, Bruckner, Wagner, Mahler bis Skrjabin, Orff, Webern und Schönberg. Dem gegenübergestellt wurden Beispiele der Symphonik von Nitsch, u.a. aus dem Allerheiligenkonzert (1980) oder dem „Requiem für Beate“ (1977). Nitsch meinte: „Ich bin kein Esoteriker. Aber meine Frau hat mir zweimal geholfen, nachdem sie verstorben war.“

Den Zusammenhang mit der „Inszenierung realer Geschehnisse“ sieht der deklarierte musikalische Autodidakt in seinen Kompositionen, für die er eine eigene Notenschrift entwickelt hat, stets gegeben: „Die Geburt meiner Musik liegt im Schrei, im Exzess, in der Ekstase, im Lärm.“ Und: „Ich bemühe mich, mit dem Orchester einen Orgelklang zu erzielen.“ Manchmal werde er „angeblödelt“, er mache doch immer dasselbe. Seine Antwort sei „Ja!“. Die Wiederholung sei nämlich immanenter Bestandteil von Ritualen. Auch Monet und Cezanne hätten die immer gleichen Motive in unterschiedlichen Lichtverhältnissen gemalt.

Entsprechungen zwischen Klängen und Farben wollte Nitsch nicht erkennen: „Meine Synästhesie besteht darin, dass sich verschiedene Elemente addieren.“ Ob er Brüche sehe in der geschichtlichen musikalischen Entwicklung, fragte Hosp. Nein, meinte Nitsch, er sehe nur kontinuierliche Übergänge - Brüche würden nur jene empfinden, die irgendwo fixiert seien. Seine einzige Sorge: „Ich hoffe nur, dass meine Musik nicht epigonal ist.“

Das Finale aus Beethovens siebenter Symphonie, ein „Bekenntnis der totalen Lebensbejahung“, wünscht sich der 77-Jährige dereinst an seinem Grab gespielt. Doch zuvor gibt es noch einiges zu tun. Die Veranstaltung bildete den Ausgangspunkt für eine CD-Produktion, die im Frühjahr 2016 gemeinsam mit Ö1 im Nitsch Museum präsentiert werden soll.

(S E R V I C E - www.nitschmuseum.at)