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Ihre Odyssee endet in Innsbruck

Charlotte Klug (r.) kann dank der erfolgreichen Betreuung in der Innsbrucker Klinik ? im Bild Chirurg Reinhold Kafka und Krankenschwester Magdalena Joas ? nach eineinhalb Jahren im Krankenhaus bald nach Hause zurückkehren.
© Andreas Rottensteiner / TT

Nach einer Darm-Operation rissen bei Charlotte Klug immer wieder die Nähte. Nach eineinhalb Jahren mit offenem Bauch freut sie sich jetzt auf ein Weihnachten daheim.

Von Theresa Mair

Innsbruck –Eineinhalb Jahre war Charlotte Klug schon nicht mehr daheim. Mehrere Krankenhäuser waren ihr Zuhause. Am 18. November hat sie Geburtstag. Ein symbolisches Datum, finden die Experten an der Universitätsklinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie in Innsbruck, um die Niederösterreicherin nach Hause zu entlassen. „Das ist ja schon am nächsten Mittwoch. Das geht sich nie aus“, kann es die 54-Jährige noch gar nicht glauben. Zwei Wochen werde sie schon noch bleiben, und bevor sie nach Hause gehe, möchte sie den Innsbrucker Spezialisten gerne das „goldene Stoma-Sackerl“ verleihen, scherzt sie. Klug meint damit den Beutel, der bei einem künstlichen Ausgang dazu da ist, die Ausscheidungen aufzufangen. Zumindest eine Ehrennadel hätten sich ihre „Helden“ verdient.

Anderen an Klugs Stelle wäre das Lachen vermutlich vergangen. „Wir haben ihre positive Grundeinstellung extrem bewundert“, sagt Stationsleiter Heinz Wykypiel. Immerhin war ihr Zustand lebensbedrohlich, als sie am 16. Juni in die Innsbrucker Klinik geflogen wurde. Die Patientin sei zu einem Zeitpunkt gekommen, als eine Darmtransplantation unausweichlich schien, erklärt Oberarzt Reinhold Kafka. Dabei sei die ursprüngliche Diagnose der Frau eigentlich nicht ungewöhnlich gewesen. „Die Patientin hatte eine Sigmadivertikulitis. Das sind Ausstülpungen am Dickdarm, wie sie 30 Prozent der Bevölkerung haben. Bei fünf Prozent kommt es aber zu einem Durchbruch. Stuhl gelangt in den Bauch“, erklärt Kafka. In einer Operation werde der Darm wieder genäht und die Patienten bekämen vorübergehend einen künstlichen Ausgang.

Für Klug kam alles anders. Die Nähte am Darm sind dauernd wieder aufgeplatzt. Fisteln bildeten sich. „Es ist uns bis heute ein Rätsel, wie das passieren konnte“, sagt Kafka. Eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, bei der die Darmwand durchlässig wird, konnte man ausschließen. Während der letzten Operation habe man aber eine Engstelle im Darm entdeckt. Dort könnte sich ein zu großer Druck für die Naht aufgebaut haben.

Die vielen kleinen und großen Eingriffe hat Klug nicht genau mitgezählt. „An die hundert dürften es schon gewesen sein“, rechnet sie nach.

Im Endeffekt hatte die Mittfünfzigerin eine klaffende Wunde am Bauch. Nach jeder Mahlzeit sei Sekret aus dem Dünndarm ausgelaufen. „Sekret aus dem Dünndarm ist extrem aggressiv, weil es noch die Verdauungsenzyme enthält“, sagt Wykypiel. Man könne es als ätzend bezeichnen.

„Für uns hat das bedeutet, dass wir die Wunde rund um die Uhr im Auge behalten und eine Art der Versorgung finden mussten, mit der die Patientin zumindest aufsitzen und ein paar Schritte gehen konnte“, schildert Krankenschwester Magdalena Joas.

Die Wundversorgung dauerte jedes Mal mindestens eine Stunde lang, manchmal auch zwei. Eine Herausforderung für die Pfleger, eine Riesenbelastung für die Patientin: Klug wurde jedes Mal sediert, damit sie die Schmerzen überhaupt ertragen konnte. Sie sei manchmal schon fast mit den Nerven am Ende gewesen, gesteht sie: „Wenn du ein Kipferl isst und du spürst fast gleichzeitig, wie es dir an den Seiten wieder herausrinnt – das ist schon schlimm. Wenn wir nicht alle zusammengeholfen hätten, dann hätte ich das nicht geschafft. Jedes Wochenende hat mich jemand von der Familie besucht.“

Mit einer so genannten Unterdruck-Versorgung haben die Mediziner die Wunde in den Griff bekommen. „Wir haben der Patientin einen Schwamm auf den Bauch gelegt, das Sekret mit einem Unterdruck-Gerät abgesaugt und so die Wunde trocken gehalten. Am 13. Oktober war dann der große Tag: Bis auf ein kleines Stück konnten die Chirurgen Klugs Bauchdecke wieder verschließen. Sie hat nur noch einen künstlichen Ausgang und kann normal essen. „Der nächste große Schritt ist, dass wir die Flaschen in der Nacht weglassen“, ist Kafka zuversichtlich. Klug bekommt noch Nährstoff-Infusionen in der Nacht, weil sie über den Darm nicht genug Kalorien aufnehmen kann. Von vier bis fünf Metern Dünndarm sind nach all den Eingriffen nämlich nur noch 70 Zentimeter übrig. „Normal ist ein Meter die Grenze für das Überleben ohne Darmtransplantation“, erklärt Kafka.

Die Darmnähte haben gehalten. Die Mediziner sind optimistisch. Nach eineinhalb Jahren geht Klugs Krankenhaus-Leben auf ein Ende zu. Sie blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. „Am liebsten würde ich alle mitnehmen“, sagt sie in Richtung der Ärzte und Pfleger. „Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Die ganze Familie, wir alle haben uns verändert. Aber ich bin neugierig und freue mich – am meisten auf die eingeschworene Ortgsgemeinschaft.“ Im Wartebereich vor dem OP-Saal habe sie immer darauf geachtet, welches Bild an der Wand hing, an die der Pfleger ihr Bett schob. „Wenn es das Bild mit dem Christbaum vor dem Goldenen Dachl war, habe ich immer gedacht: Zu Weihnachten bin ich wieder zuhause.“

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