Blick von Außen

Rückkehr ins Mittelalter – die Bologna-„Reform“

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Wer heute als Studentin an eine Universität geht, absolviert in den allermeisten Fällen kein Studium mehr, sondern reiht Module aneinander. Für den Humboldt’schen Universitätsgedanken ist da kein Platz mehr.

Von Sigurd Paul Scheichl

Soeben hat das siebente Studienjahr begonnen, in dem an allen österreichischen Universitäten in den meisten Studienrichtungen die Studentin nicht mehr ein Studium, sondern viele Module absolviert. Nach einer Studienordnung, die jetzt „Curriculum“ heißt – und die geradezu erfunden scheint, um die Gültigkeit des Satzes zu beweisen, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Teile (die in diesem Fall Module heißen). Nur eben: Die Curricula legen Teile fest – und bei denen bleibt es. Ein Ganzes ist nicht vorgesehen.

Unter dem Vorwand, das Studiensystem der in der Tat vorbildlichen US-Universitäten zu übernehmen, hat man mit der so genannten ‚Bologna-Reform’ in Wahrheit ganz Europa die starren Systeme der Lern- und Prüfungsuniversitäten Frankreichs, Italiens und anderer Länder aufgezwungen, an denen seit jeher genau geregelt ist, was man wann lernen darf, und an denen allein die Prüfung zählt.

War diese früher eine notwendige Kontrolle, ob die Studentin etwas gelernt hat, ist jetzt die Prüfung primär, die Lehrveranstaltung zur Vorbereitung auf diese degradiert. (Ähnliches erleben wir mit der Zentralmatura.) Die Universitäten sind jetzt Schulen, Tertiärschulen. Der Humboldt’sche Universitätsgedanke – die Einheit von Lehre und Forschung – gilt noch an den guten amerikanischen Universitäten, aber heute und in Zukunft nicht mehr an den mitteleuropäischen.

Ökonomischer Gründe

Für diesen Umbau der Studien gibt es einen guten politischen Grund: Man soll in ganz Europa studieren können, die Abschlüsse (und selbst die einzelnen Prüfungen) aus allen Ländern sollen überall gelten. (Nebenbei bemerkt: Dieses Ziel ist nicht oder nur sehr partiell erreicht worden und ist wahrscheinlich auch kaum zu erreichen; denn es setzt eine europaweite Vereinheitlichung aller Curricula voraus.)

Für die Umstellung gibt es neben dem europäischen auch gute ökonomische Gründe. Bis in die 1990er-Jahre kam es nicht selten vor, dass ein Student fünf Jahre lang erfolgreich studierte, aber an der Abschlussarbeit oder den Abschlussprüfungen – die auf das Ganze abzielten und manchmal wirklich zu viel forderten – scheiterte. Da der Staat in jeden Studenten eine beträchtliche Summe investiert, war das ein Verlustgeschäft – von den Studienabbrechern, die schon im 2., 3. oder 4. Semester aufgaben, gar nicht zu reden. (Dass an der Universität auch viele, die sie ohne Diplom verlassen haben, etwas gelernt, im besten Fall denken gelernt haben, sei doch gesagt.)

Das Modulsammeln

Studienabbrecher wird es im Zeitalter des Modulesammelns in der Tat weniger geben als früher, in der Ära des Studierens. Aber eben auch nur noch wenige Studierende, die sich selbstständig in Probleme ihres Fachs verbeißen und manchmal schon in den ersten Semestern forschen. Damals regten die Lehrenden sie dazu an, damals zwangen die Studienbedingungen sie dazu. Jetzt machen es die Studienbedingungen ratsam, an die nächste Modulprüfung zu denken.

In den 1960er-Jahren hat der Wiener Anglist in blendendem Englisch in jedem Semester ein Kapitel der englischen Literaturgeschichte behandelt; für Studierende im 1. und noch im 3. Semester war das sprachlich und inhaltlich in der Regel ‚zu schwer’. Aber sie machten die Erfahrung, dass man sich anstrengen muss in einem wissenschaftlichen Studium; eine gute Erfahrung. Diese ‚Hauptvorlesungen’ für alle Studenten waren eine intellektuelle Herausforderung und machten von Anfang an das Studium spannend – spannender als die ohne Zweifel hilfreichen Einführungen, in denen jetzt die Erstsemestrigen freundlich an die Hand genommen werden, wie in der Schule. Sicher haben ‚damals’ manche Lehrende die Studentinnen überfordert – das haben aber seit den 90er-Jahren die meisten gemerkt und einiges an ihrer Lehre geändert. Viele Studierende haben damals nach der Matura einen großen Sprung gemacht, von der Betreuung in die Unabhängigkeit, in die Selbstverantwortung beim Lernen. Dieser Sprung war etwas Elitäres, eine Herausforderung – aber ohne solche Herausforderungen sinkt das Studium ins Mittelmaß ab. Jetzt gilt: Springen verboten!

Die ‚Hauptvorlesungen’ hatten auch einen sozialen Vorteil: Von Anfang an kannte man ältere Studienkollegen. Jetzt sitzt man immer mit Studierenden aus dem gleichen Semester im Hörsaal: wie in einer Schulklasse.

Unselige Merkmale der Modul-Studien sind die Starrheit der Curricula und die Fragmentierung des Studiums.

Zuerst zu dieser. Die Erstsemestrigen legen Prüfungen über allerlei Einführungsmodule ab; nach der Prüfung meinen sie, das sei nun erledigt und sie könnten alles vergessen – und vergessen es auch, im nächsten Semester schon; Beispiele habe ich erlebt. Die Modulstruktur verstärkt diese immer schon vorhandene Tendenz zum ‚Abhaken’ des einmal Geprüften. Dass da am Ende kein ‚Ganzes’ mehr herauskommt – wen wundert es? Ganz abgesehen davon, dass die Module nie alles abdecken können. In naher Zukunft wird es Doktoren der Germanistik geben, die so gut wie nichts von Goethe wissen, weil es in ihrer Studienzeit zufällig kein Goethe-Modul gegeben hat, auch Historiker ohne Napoleon-, Philosophen ohne Kant-, Politikwissenschaftler ohne Parlamentarismus-Modul. Man hat Teile, bekommt Punkte für diese Teile. Was kümmert einen da das Ganze!

Das Punktesystem

Zur Starrheit: Für jedes absolvierte Modul gibt’s Punkte, ‚ECTS’-Punkte. (ECTS heißt ‚European Credit Transfer System’ – ‚europäisches Notenanerkennungssystem’.) Diese in Hinblick auf die Vergleichbarkeit der Leistungen unvermeidbare Quantifizierung hat eine positive Seite: Gibt es für ein Modul 5 Punkte, so weiß die Studentin, dass sie dafür ungefähr 125 Stunden arbeiten muss; die Lehrende weiß, dass sie nicht mehr Zeitaufwand verlangen darf. Folge: In der Germanistik wird man den Faust II nicht mehr behandeln können – denn allein schon die Lektüre und die Anwesenheit im Kurs fressen die 125 Stunden auf. Die Möglichkeit, für ein bestimmtes Thema einmal zwei Module zusammenzulegen und dann mehr zu verlangen, besteht nicht.

Das starre System verlangt ferner, dass die Module genau definiert sind; kommt jemand von einer anderen Universität, wo die Module anders heißen, kann vieles nicht angerechnet werden – was die erwünschte europäische Mobilität enorm behindert (und selbst die innerösterreichische beschränkt).

Zudem erzwingen die Curricula mehr Bürokratie und machen die Lehrenden zu Notenverwaltern, ECTS-Punkte-Zählern, ECTS-Punkte-Um- und Anrechnern. Die Studierenden sowieso – denen man allein für das Addieren der Punkte einen ECTS-Punkt mehr geben müsste. Aus dem Humboldt’schen Programm der Einheit von Forschung und Lehre wird mit Bologna ein Programm der Einheit von Lehre und Bürokratie.

Der Weg zurück

Die Reform, eine Erfindung von Diplomaten und Beamten fast ohne Beteiligung der Universitäten, schüttet das Kind mit dem Bade aus: Da einige mit den alten Studienregeln ihr Studium nicht abgeschlossen haben, erleichtert man das Abschließen – aber was abgeschlossen wird, ist kein Studium mehr, sondern eine Modul-Sammlung.

‚Bologna’ heißt das Projekt zur Erinnerung an eine der ältesten und prestigereichsten europäischen Universitäten. Leider scheint die Reform sich besonders an Bolognas Glanzzeit zu orientieren: am Mittelalter; zu dessen reiner Lernuniversität kehren wir zurück. Neu ist freilich das European Credit Transfer System – ein solches hat damals und bis in die Neuzeit ohne diesen Namen, ohne Büro und ohne Punkte sehr gut funktioniert.

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