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„Darf er das?“: Chris Tall wird nach TV-Auftritt zum Internetstar

Chris Tall macht liebend gerne Witze über Schwarze, Behinderte und Stotterer.
© Screenshot/YouTube

Schwarze, Stotterer, soziale Minderheiten: Wenn Comedian Chris Tall auf der Bühne steht, lacht er über fast jeden. Mit seinem jüngsten TV-Auftritt ist der 24-Jährige nun quasi über Nacht zum Internetstar geworden.

Hamburg – Chris Talls sechster Auftritt als Standup-Comedianbei „TV total“ Ende Oktober hätte für ihn leicht zum Fiaskowerden können. Denn was derpreisgekrönte Nachwuchs-Comedian in der ProSieben-Sendung von Stefan Raab anstößt, gleicht einem Tabubruch.„Ihr müsst Witze machen über alle. Über Behinderte, über Schwule, über Schwarze“, fordert er vor seinem Publikum.„Haben wir heute Rollstuhlfahrer hier? Wenn ja, bitte einmal aufstehen.“Die zunächst etwas verhaltenen Reaktionen im Publikumscheinen den 24-Jährigen nicht zu verwundern.„Ihr seht, eine Hälfte lacht, die andere Hälfte fragt sich: Darf er das?“

Chris Tallmöchte an diesem Abendalle Menschen gleich behandeln- und fairerweise auch alle gleichermaßen zur Zielscheibe seiner Sprüchemachen.Dabei ist er sich aber schon vor der Show darüberim Klaren, dass er sich auf einMinenfeld begibt. Aber wer nach dem Ende der Sendung mit einemShitstorm gerechnet hat, wirdeines Besseren belehrt.

Schon am nächsten Tag zählt Chris Talls offizielleFanseite 20.000 Follower mehr, knapp zwei Wochen später istes schon ein Zuwachs von mehr als 400.000, knapp 475.000 Freunde hat er schon bei Facebook zusammengetrommelt.Längst hat sich der charakteristische Ausruf „Darf er das?“ in sozialen Netzwerkenwie ein Lauffeuer verbreitet.„Es war wie eine Kettenreaktion. Das wurde geteilt, kommentiert; und mit einem Mal kannte jeder den Spruch“, erzähltChris Tall der Deutschen Presse-Agentur.Tall heißt mit bürgerlichem Namen Nast - Warum er sich umbenannt hat, darauf geht er nicht ein.

Diskriminierender ist es jemanden aufgrund seiner Eigenschaften auszuschließen

Doch darf Chris Tall wirklich im Fernsehen Späße übersoziale Randgruppen machen, oder geht er vielleicht doch zu weit?„Selbstverständlich darf er das“, meint zumindest Dr. Ilja Seifert, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland, der selbst seit einem Badeunfall im Rollstuhl sitzt.

Seifert ist sich sicher: „Es ist tatsächlicheher diskriminierend, jemanden wegen bestimmter Eigenschaften oder Merkmale aus der allgemein üblichen Kommunikation auszuschließen.“ Und dazu zähle nun mal, dassman einander mal „frozzelt“, sich neckt, mit- und übereinander lacht undgelegentlich auch mal verärgert.

Für Chris Tallkommt der mediale Rummelin einer privat sehr stressigen Zeit.„Ich plane gerade meinen Umzugmit meiner Freundin nach Hamburg-Barmbek“, erzählt er. Die beiden seien seit rund zehn Monaten ein Paar, treten auch häufiger zusammen in privaten VideobotschaftenTalls an seine Fans in Erscheinung. Zur Zeit wohneer jedochnoch in Reinbek am östlichen Stadtrand. „Das istangesichts meiner häufigen berufsbedingten Reisen nach Köln, Deutschlands „Comedy-Hochburg“, einfach nicht mehr zentral genug“, bilanziert er.

„Habe vielen Leuten aus der Seele gesprochen“

Doch wie erklärt sich der plötzliche Hype um den Comedian, der zuvor, wie er sichtlich amüsiert erzählt,mühsam und über viereinhalb Jahre für seinebis dahin rund66.000 Follower kämpfen musste? „Ich glaube, dass ich mit meiner Botschaft vielen Leutenaus der Seele gesprochen habe“, schlussfolgert Tall.

Das Konzept geht vielleicht auch gerade deshalb auf, weil er sowohl auf der Bühne als auch privateigene Merkmale wie seinÜbergewicht oder seine unterdurchschnittlichen Leistungen in der Schule thematisiert.„Ich hab‘ jetzt auf vier Kinns erhöht: ich fress‘ so viel, bis es wieder eins wird“, witzelt er selbstironisch bei einem seinerAuftritte.

Chris Tall zieht die Samthandschuhe aus

Tatsächlich schreiben ihnnach dem AuftrittPflegekräfte, Rollstuhlfahrer und auchMitarbeiter aus Behindertenwerkstätten an, um ihre Begeisterung für sein Programm zum Ausdruck bringen. Menschen, die sich augenscheinlich darüber freuen, dass sie nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst werden. „Ich behandele sie wie normale Menschen. Schließlich ist es genau das, was sie sind“, sagt der junge Comedian.Die wenigen negativen Kommentare würden ihn nicht irritieren. „Ich weiß, dass ich das Richtige sage und tue“. (dpa)

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