Wien Modern: Neuwirth-Knaller rockte den Musikverein

Wien (APA) - Wien Modern hat am Montagabend im Musikverein seinem heurigen Festivalmotto „Pop Song Voice“ alle Ehre gemacht. So wie mit den ...

Wien (APA) - Wien Modern hat am Montagabend im Musikverein seinem heurigen Festivalmotto „Pop Song Voice“ alle Ehre gemacht. So wie mit den beiden Uraufführungen von Olga Neuwirth und Gerhard E. Winkler wurde der altehrwürdige Goldene Saal noch selten gerockt. Verantwortlich dafür waren eine Hommage an die Undergroundikone Klaus Nomi und eine dekonstruierte Tanzsuite - als bisherige Festivalhighlights.

Schon vor drei Jahren hatte Neuwirth vier Stücke ihrer „Hommage a Klaus Nomi“ zum Auftakt von Wien Modern präsentiert. 1998 hatte die Komponistin für die Salzburger Festspiele vier Lieder des deutschen Counters verfremdet, der in den 70er und 80er-Jahren mit bleichgeschminktem Gesicht und einer eigenen Mischung aus Pop und Oper zu einer der schillernden Figuren der New Yorker Undergroundszene aufgestiegen und 1983 an Aids verstorben war. Bis 2008 ergänzte sie das Konvolut mit fünf weiteren Songs. Das famose RSO unter Cornelius Meister brachte nun die komplette Kammerorchesterfassung zur Uraufführung.

Neuwirth lässt dabei Nomis Stimmlinie leidlich unverändert, verzerrt aber die Orchesterbegleitung. Die melodischen Spuren werden nicht verwischt, sondern kaschiert. Die 47-Jährige prononciert Details, die bei Nomis Original en passant vorbeihuschen, zerlegt die Vorlage bisweilen beinahe, um beim nächsten Stück nahe am Vorbild zu bleiben. Purcells „Cold Song“ wird da von einer frechen Straßenkapelle umspielt, während das Nomi-Lied „Total Eclipse“ von einer Rockertruppe harmonisch ausdifferenziert wird.

Viel zum Gelingen dieser Genresprengung trägt der Counter Andrew Watts bei, der im steten Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme mit sich selbst in Tonbandzuspielungen agierte. Ohne Nomis stilisierte Bühnenfigur zu imitieren, entwickelt der Brite einen eigenen Charme. Welche Zuhörerschichten könnte sich die Neue Musik noch erschließen, wenn sie sich im Normalbetrieb zumindest einige der Charakteristika dieses Abends zu Herzen nehmen würde!

Als passendes Entree zu dieser speziellen Tonalität gestaltete sich der Auftakt des Abends durch Gerhard E. Winkler. Anders als der sperrige Titel „Anamorph II (Fake: a Suite)“ vermuten lässt, legt der Salzburger Komponist ein humorvolles, leicht zugängliches Werk vor, in dem er fünf Traditionstänze paraphrasiert. Ein entstelltes Wienerlied steht da vor einem verkleideten Tango, während eine volkstümliche Landpartie zum Horrortrip mit Bernhard Herrmann wird. Bekanntes taucht nur kurz aus der Kakofonie auf, dem vermeintlich Vertrauten steht wie ein dunkler Schatten stets dessen harmonische Auflösung gegenüber. Zwischen spätromantischem Furor, esoterischen Klangwolken a la Feldman und postmodernem Augenzwinkern changiert Winkler zwischen Kuhglocken und Kakofonie, Flatulenzposaune und Dissonanz.

(S E R V I C E - http://go.apa.at/STZLd2wC)