Film und TV

Ein großes Herz, versteckt unter einer Fettschicht

© Thimfilm

Innsbruck – Anfang der Nullerjahre entdeckten die Talente-Scouts aus Hollywood zwei Regie-Wunderknaben in Island. Während Baltasar Kormákur ...

Innsbruck –Anfang der Nullerjahre entdeckten die Talente-Scouts aus Hollywood zwei Regie-Wunderknaben in Island. Während Baltasar Kormákur nach seinem „101 Reykjavik“ (2000) allen Genres – zuletzt als Regisseur des Bergdramas „Everest“ – gewachsen war, scheiterte Dagur Kári nach seinem grandiosen Außenseiterdrama „Nói Albínói“ (2003) an den industriellen Bedingungen Hollywoods. Warum aus Hollywood und Dagur Kári nie etwas werden kann, ist fünf Jahre nach seiner US-Produktion „Ein gutes Herz“ in „Virgin Mountain“ (im Original schlicht „Fúsi“) zu sehen.

Wenn Fúsi (Gunnar Jónsson, ein in Island beliebter TV-Komiker) mit den Gepäckstücken über die verschneite Rollbahn von Reykjavik fährt, sieht seine Gepäckwagengarnitur wie eine Modelleisenbahn aus, denn Fúsi ist ein Koloss, den die anderen Arbeiter nach der Schicht demütigen und quälen. Fúsi lebt auch mit 43 noch bei seiner Mutter, die sich trotz eines neuen Liebhabers aus Angst vor der Einsamkeit an den Sohn klammert. Die Wende bringt ein Gutschein für einen Line-Dance-Kurs, den auch Sjöfn (Ilmur Kristjansdóttir) als Liebhaberin der Country-and-Western-Musik besucht. Fúsi bevorzugt zwar eher Heavy Metal, doch die Floristin ist die erste Frau, die ihn einer näheren Betrachtung unterzieht. Am folgenden Tanzabend erscheint der verliebte Mann bereits im Kostüm eines Westerners – umsonst, denn Sjöfn liegt als Häufchen Elend in ihrer Abstellkammer, um sich, von einem depressiven Anfall überrollt, vor der Welt zu verstecken. In dieser Art, dem Leben zu begegnen, erkennt Fúsi seine eigene Herangehensweise, denn was ist dieser Berg aus Fett anderes als eine Abstellkammer, die den Bewohner unsichtbar werden lässt. Im Augenblick der größten Not wird Fúsis großes Herz unter diesem monströsen Körper sichtbar. Er übernimmt Sjöfns Schichten bei der Müllabfuhr, die Floristin ist nur ein Traum, der vielleicht auch noch in Erfüllung geht.

„Virgin Mountain“ ist eine Tragikomödie über zwei verletzte Seelen, die einen Entwurf von Schönheit in sich tragen. Über den romantischen Regeln des Kinos vergisst Dagur Kári aber nicht die sozialen, wenn nach einer Krankheit die Arbeitslosigkeit droht. (p. a.)

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