1918-2015

Deutscher Altkanzler Helmut Schmidt ist tot

Der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt.
© APA/dpa/Angelika Warmuth

Der ehemalige deutsche Kanzler Helmut Schmidt ist tot. Der 96-Jährige starb am Dienstagnachmittag in Hamburg, wie sein behandelnder Arzt Heiner Greten der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Von Jan C. Schwartz/Reuters

München – Der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt ist tot. Der Sozialdemokrat starb nach Angaben seines Arztes Heiner Greten am Dienstag gegen 14.30 Uhr im Alter von 96 Jahren in seiner Heimatstadt Hamburg.

Seinen politischen Einfluss hat Helmut Schmidt bis ins hohe Alter bewahrt. Zahlreiche deutsche Spitzenpolitiker - vor allem von der SPD - holten sich in den vergangenen Jahren Rat beim Altkanzler. In seinen letzten Lebensjahren fiel dem starken Raucher das Gehen und Hören allerdings zusehends schwerer. Zuletzt war Schmidt im September wegen eines Blutgerinnsels am Bein operiert worden.

Schmidt zielt zu Beginn einer Kabinettssitzung am 19.12.1979 in Bonn mit einem Apfel auf die Kabinettsmitglieder. Die Äpfel waren als Geschenk von Landwirtschaftsminister Josef Ertl mitgebracht worden.
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Geistig und politisch aber blieb der fünfte Kanzler der Bundesrepublik Deutschland auch mehr als 30 Jahre nach seinem Sturz als respektierter „Elder Statesman“ präsent – oft mehr geachtet als geliebt. Nur wenige Politiker standen so sehr für die Geschichte der „alten“ Bundesrepublik wie Schmidt.

Von Schmidts politischer Laufbahn dürften vor allem zwei Bilder im Gedächtnis der Republik bleiben: Der junge, agile Hamburger Innensenator, der in der Sturmflut-Katastrophe vom März 1962 seinen Ruf als Krisenmanager erwarb. Und der würdevolle Staatsmann, der am 1. Oktober 1982 Helmut Kohl gratuliert, der ihn soeben per Misstrauensvotum als Kanzler gestürzt hatte.

Dazwischen lagen zwei Jahrzehnte, in denen der gebürtige Hamburger mit dem scharfen Scheitel und der scharfen Rede die bundesdeutsche Politik prägte. In seine Amtszeit als Bundeskanzler zwischen 1974 bis 1982 fällt der „deutsche Herbst“ mit der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer durch Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) 1977 und die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“, die mit der spektakulären Geiselbefreiung auf dem Flughafen in Mogadischu durch die Spezialeinheit GSG 9 endete. Das Ende seiner Kanzlerschaft war geprägt von heftigem Streit in der sozial-liberalen Koalition über den wirtschaftspolitischen Kurs sowie die Diskussion über den NATO-Nachrüstungsbeschluss für Mittelstreckenraketen, in der Schmidt zusehends an Rückhalt in der eigenen Partei verlor.

Wegen seiner Kenntnis globaler wirtschaftspolitischer Zusammenhänge wurde Schmidt in den Medien als „Weltökonom“ bezeichnet. Sein Spitzname „Schmidt-Schnauze“, den er bei politischen Gegnern hatte, geht auf den Anfang seiner Karriere im Bundestag als Militärexperte der SPD zurück, wo er sich heftige Wortgefechte mit dem damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß lieferte.

1969 wurde Schmidt zunächst selbst Verteidigungsminister im ersten SPD/FDP-Kabinett von Kanzler Willy Brandt. Als Wirtschafts-und Finanzminister Karl Schiller im Zusammenhang mit der Währungskrise im Juli 1972 zurücktrat, wurde Schmidt vorübergehend dessen Nachfolger und übernahm das Finanzressort nach der Bundestagswahl im gleichen Jahr mit erweiterten Kompetenzen.

Königin Elizabeth II. mit Helmut Schmidt 1978.
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Die Affäre um den DDR-Agenten Günter Guillaume im Bundeskanzleramt führte im Mai 1974 zum Rücktritt Brandts. Im Anschluss an die Wahl von Walter Scheel zum Bundespräsidenten wurde Schmidt am 16. Mai 1974 zum fünften Kanzler der Bundesrepublik gewählt.

Außenpolitisch suchte Schmidt, Brandts Kurs der Annäherung zwischen Ost und West fortzusetzen, vermied es dabei aber, allzu große Hoffnungen auf eine baldige Entspannung zu wecken. Im westlichen Ausland wurde Schmidt vor allem wegen seiner Wirtschaftskompetenz geschätzt. Oft wurde von ihm mit Blick auf seine guten Kontakte zu dem damaligen französischen Präsidenten Valerie Giscard d‘Estaing die Lösung schwieriger Probleme zugetraut. Mit Giscard begründete er die sogenannten Weltwirtschaftsgipfel. Auf Schmidts Initiative geht auch das Europäische Währungssystem (EWS) zurück, das als Vorläufer der Währungsunion gilt.

Mit der Amtsübergabe an seinen Nachfolger Kohl war Schmidts aktive politische Laufbahn zu Ende. Als Ex-Kanzler blieb er jedoch in der Öffentlichkeit präsent. Sein Nachfolger bekam „Schmidt-Schnauze“ zu spüren, der seit 1983 als Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ die Weltpolitik und die Weltwirtschaft kommentierte. Schmidt lebte in Hamburg lange mit seiner Ehefrau Hannelore (Loki) zusammen, mit der er bis zu deren Tod 68 Jahre verheiratet war. Die Pädagogin und Botanikerin starb 2010. Zwei Jahre später wurde bekannt, dass Schmidt eine neue Beziehung hatte.

Vor dem Haus von Helmut Schmidt nahmen die Hamburger Abschied vom ehemaligen Bundeskanzler. Sie legten Blumen nieder, zündeten Krezen an und verharrten einen Moment in Stille.
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Der zeitliche Abstand ließ auch in der SPD den Respekt für ihren Altkanzler wachsen, dessen Biografie bis in eine Zeit als Flakhelfer im 2. Weltkrieg reichte. Die Wertschätzung für den Altkanzler zeigte sich 1998, als Schmidt Gerhard Schröder beim Leipziger Parteitag seinen Segen gab und mit Wehmut und Respekt gefeiert wurde. Schröder wie Schmidt, ihren beiden letzten Kanzlern, verdankt die SPD den ungeliebten Regierungspragmatismus. Dieser Grundsatz ist bis heute aktuell und wird auch von Sigmar Gabriel als Vize unter Kanzlerin Angela Merkel befolgt. Im Dezember 2011 lag ihm seine SPD zuletzt zu Füßen: In einer mit „Helmut, Helmut“-Rufen bejubelten einstündigen Rede auf dem SPD-Bundesparteitag warnte Schmidt vor einem Rückfall Europas in nationalstaatliche Rivalitäten.

Betroffenheit quer durch Europas Politik

Europas Politiker zeigten sich bestürzt über Tod von Helmut Schmidt.

Bundeskanzler Werner Faymann lobte Schmidt in einer Aussendung als „großen und prinzipienfesten Sozialdemokrat“ und „Jahrhundertpolitiker“. Sein Lebenswerk habe ihm über die Länder- und Parteigrenzen hinweg Achtung, Bewunderung und Anerkennung verschafft. „Mit Helmut Schmidt verliert die Sozialdemokratie einen großen Mitstreiter und ebenso wachen wie kritischen Geist, dessen Wortmeldungen, Kommentare und Bücher unverzichtbare Orientierungshilfe in einer zunehmend komplexer werdenden Welt waren“, so der Kanzler.

Anerkennung hat nach seinem Ableben auch der politische Gegner Helmut Schmidt gezollt. Seine Amtsnachfolgerin Angela Merkel, eine Christdemokratin, würdigte Schmidt als Vordenker der internationalen Zusammenarbeit. Auch lobte Merkel nach Angaben von Fraktionskollegen am Dienstag Schmidts Rolle bei der Etablierung der Weltwirtschaftsgipfel, seinen Kampf gegen den Terrorismus in Deutschland sowie seine Verdienste um den NATO-Doppelbeschluss.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat den am Dienstag verstorbenen deutschen Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt als „einen der bedeutendsten deutschen Politiker der Nachkriegszeit“ gewürdigt. Sein österreichischer Amtskollege Heinz Fischer betonte in einer Aussendung: „Seine Stimme hatte im In- und Ausland Gewicht, ein großer Staatsmann ist von uns gegangen.“ Schmidt sei „in schweren Stunden entscheidungsfreudig“ gewesen, so Fischer, „und seine Handlungen waren von großem Verantwortungsbewusstsein und moralischen Kategorien geprägt.“ Der Bundespräsident sprach von „aufrichtigem Respekt gegenüber einem Mann, dessen Denken und Handeln für Deutschland, Europa und die Welt viel Nutzen gebracht hat.“

Gauck schrieb am Dienstag an Schmidts Tochter Susanne Kennedy-Schmidt: „In seinen öffentlichen Ämtern, ganz besonders als Bundeskanzler, hat Helmut Schmidt Großes geleistet. Mit den Tugenden, die ihn auszeichneten - Unabhängigkeit des Geistes, Mut und Pflichtbewusstsein - wird er auch künftigen Politikergenerationen ein bleibendes Vorbild sein.“

Deutschlands Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) hat Helmut Schmidt als eine der „ganz großen politischen Persönlichkeiten unseres Landes“ gewürdigt. Als Kanzler von 1974 bis 1982 habe Schmidt nachhaltig Europa und Deutschland geprägt, schrieb Schröder in einem Gastbeitrag für die Bild-Zeitung (Mittwoch). „Wie nur wenige in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat er es verstanden, durch beherztes staatliches Handeln existenzielle Krisen zu meistern und zugleich den Menschen Orientierung in Zeiten der Unsicherheit zu geben.“ Schmidt habe „das Bild Deutschlands als eines der Freiheit, der Demokratie und dem sozialen Ausgleich verpflichtenden Landes nach innen und außen verkörpert“ und es verstanden, „die Gesellschaft über die Partei- und Milieugrenzen hinweg zu integrieren“.

In den ARD-“Tagesthemen“ sagte Schröder am Dienstagabend laut im Voraus verbreiteter Mitteilung über den am Nachmittag Verstorbenen: „Wir haben ihm enorm viel zu verdanken. Er wird uns fehlen. Uns Sozialdemokraten, aber auch insgesamt dem ganzen deutschen Volk.“ Auch er selbst habe von Schmidts breitem politischen Wissen und von seinen Ratschlägen profitiert.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, wie Merkel ein Christdemokrat, hat den verstorbenen deutschen Altkanzler Helmut Schmidt für dessen Mut und Geradlinigkeit gewürdigt. Schmidt habe „politische Ehrlichkeit vorgelebt, seine Beiträge zu politischen Debatten hatten auch deswegen besonderes Gewicht, weil er gradlinig war“, erklärte Juncker am Dienstag. Schmidt habe auch „der Mut in die Zukunft zu denken“ ausgezeichnet. „Dieser Mut ist auch sein Auftrag an uns, niemals aufzugeben, wenn es um Europa geht“, erklärte Juncker. Dabei habe Schmidt von sich selbst gesagt, er sei kein europäischer Idealist. „Sein Engagement für Europa beweist also, dass dies kein Projekt für abgehobene Idealisten, sondern für europäische Realisten ist. Er ist mit mehr Leidenschaft als viele andere für das Zusammenwachsen des Kontinents eingetreten, auch weil er immer verstanden hat, dass wir zusammenhalten müssen, wenn wir in der Welt eine Rolle spielen wollen.“ Juncker würdigte Schmidts Rolle bei der Gründung des Europäischen Währungssystems, das die Weichen für den Euro gestellt hat.

EZB-Präsident Mario Draghi hat den gestorbenen deutschen Altkanzler Helmut Schmidt als europäische Führungspersönlichkeit gewürdigt. „Mit dem Tod von Helmut Schmidt hat Europa einen seiner großen Führer verloren“, schrieb Draghi im Kurznachrichtendienst Twitter. „Ich bewunderte die Tiefe von Helmut Schmidts Wissen und die Wärme seiner Persönlichkeit“, fügte er hinzu. Er werde seine Begegnungen mit Schmidt niemals vergessen, erklärte der Chef der Europäischen Zentralbank.

„Sein Tod ist eine Zäsur für Deutschland und Europa“, sagte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in einer Stellungnahme am Dienstag in Brüssel. Mit Schmidt starb „ein herausragender deutscher Bundeskanzler, ein großer und kämpferischer Europäer und ein Mann, der die Sozialdemokratie in Deutschland und Europa wie kaum ein anderer geprägt hat“, sagte Schulz. „Sein Wort hatte auch lange nach seiner Kanzlerschaft Gewicht. Bis ins hohe Alter war er ein wichtiger und gefragter Ratgeber, mischte sich in die politische Debatte ein, mahnte Reformen und Veränderungsbereitschaft in Deutschland und Europa an und scheute dabei keine kontroverse Debatte. Für meine Politikergeneration bleibt Helmut Schmidt eine Leitfigur wegen seiner Geradlinigkeit und Prinzipientreue“, so Schulz.

In Österreich gab es Anerkennung für Schmidts Lebenswerk auch von FPÖ und Grünen. Der blaue Parteichef Heinz-Christian Strache ließ in einer Aussendung wissen, er betrachte den deutschen Altkanzler als „einen bedeutenden Politiker mit Vorbildwirkung“, der unangenehme Wahrheiten ausgesprochen habe. Grünen-Chefin Eva Glawischnig lobte Schmidt als „großen Befürworter eines vereinten Europa“.

„Mit Helmut Schmidt verliert nicht nur die Bundesrepublik Deutschland, sondern ganz Europa einen großen Staatsmann. Er hat sich für ein geeintes Deutschland eingesetzt und gehörte zu den Mitbegründern und Verstärkern des europäischen Gedankens“, sagte ÖVP-Bundesparteiobmann Reinhold Mitterlehner. Neben seinem politischen Schaffen war Schmidt als Publizist und Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ erfolgreich und über Partei- und Landesgrenzen hinweg für seine Analysen geschätzt. „Er gehörte zu den prägendsten Persönlichkeiten seiner Zeit“, so ÖVP-Generalsekretär Peter McDonald in einer Aussendung, der ebenfalls auf Schmidts Einsatz für ein gemeinsames Europa und sein Mitwirken an der Einführung des Europäischen Währungssystems verweist.

Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) zeigte sich in eiern Aussendung ebenfalls tief betroffen: „Helmut Schmidt war einer der ganz großen Nachkriegspolitiker der Bundesrepublik Deutschland und vor allem auch ein großer Europäer. Als Kanzler war er ein tatkräftiger Visionär, Deutschland profitiert bis heute von seinem Einsatz für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Auch nach seiner politischen Laufbahn setzte er sich als Journalist und Vordenker sehr erfolgreich für humanistische, solidarische und weitsichtige Politik in Deutschland, Europa und der Welt ein. Und nicht zuletzt war Helmut Schmidt auch einer der ganz großen Sozialdemokraten Europas.“

Frankreichs Präsident Francois Hollande hat Schmidt als „großen Europäer“ gewürdigt. Schmidt sei ein „großer Staatsmann“ gewesen, der stets dafür plädiert habe, der Marktwirtschaft eine soziale Dimension zu geben, sagte Hollande in Paris. Schmidt habe in der Europapolitik vorbereitet, was sein Nachfolger Helmut Kohl und der damalige französische Staatspräsident Francois Mitterrand vollendet hätten. „Er war ein Mann, der bis zu seinem letzten Atemzug Stellung bezogen hat, vor allem, um den Deutschen zu sagen, welche Rolle sie zu spielen haben“, sagte Hollande.

Ministerpräsident Manuel Valls betonte während einer Sitzung der Nationalversammlung die Bedeutung Schmidts für die Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich. „Er hat durch seine Äußerungen und seine Persönlichkeit stets seine Überlegungen klargemacht zur Rolle und zum Platz Deutschlands in Europa und den besonderen Beziehungen mit Frankreich.“ Die Abgeordneten der Nationalversammlung erhoben sich anschließend für anhaltenden Applaus.

Der frühere italienische Ministerpräsident und EU-Kommissionschef Romano Prodi hat den gestorbenen deutschen Altkanzler Helmut Schmidt als „einen der großen Väter Europas“ gewürdigt. „Er war ein erleuchteter Kanzler Deutschlands, immer aufmerksam bei den komplexen internationalen Problemen und mit einer außerordentlichen Sensibilität im Umgang mit den Themen der Sozialpolitik ausgestattet“, sagte Prodi der italienischen Nachrichtenagentur Ansa.

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