TT-Interview

Die Geschichte pflegen und ans Heute denken

Martin Plattners Drama „Maultasch“ hat am Sonntag (20 Uhr) in der Werkstatt-Bühne des Tiroler Landestheaters Premiere.
© TT/Thomas Böhm

Der Tiroler Dramatiker Martin Plattner spricht im TT-Interview über ungerechte Geschichtsschreiber, einen Strauß rosa Nelken und männliche Nebenfiguren.

Am 15. November geht in der Werkstatt-Bühne des Landestheaters die Premiere Ihres Stücks „Maultasch“ über die Bühne. Wie kam es zur Beschäftigung mit der Tiroler Landesfürstin?

Martin Plattner: Margarete Maultasch hat mich schon als Kind fasziniert: Vor allem, weil sie so ziemlich die einzige Tiroler Frau ist, die in unserem Geschichtsunterricht erwähnt wurde. Die Idee, mich ihr in einem Stück zu nähern, trage ich schon viele Jahre mit mir herum — wobei mir immer klar war, dass kein Historiendrama dabei herauskommen soll.

In Ihrem Kammerspiel kümmert sich die Landesfürstin um ihre ältere, als verrückt geltende Schwester Adelheid. Ist diese Figur geschichtlich verbrieft?

Plattner: Ja. Und weil Adelheid tatsächlich die ältere Schwester war, hätte gemäß der Erbfolge das Amt der Landesfürstin auf sie fallen müssen. Weil sie als regierungsunfähig galt, was auf eine physische oder psychische Erkrankung hindeutet, kam diese Aufgabe aber dann Margarete zu. Für mich war es spannend, die beiden Schwestern, die im realen Leben wohl wenig miteinander zu tun hatten, nun im Stück aufeinandertreffen zu lassen.

Der Text wurde 2013 mit dem Großen Literaturstipendium des Landes Tirol ausgezeichnet. Kam die Auszeichnung überraschend?

Plattner: Das kann man so sagen! Damals hab' ich mit mir selber ausgemacht, dass ich im Fall eines Erfolges in der Minoritenkirche in Wien, wo Margarete Maultasch beigesetzt ist, einen Strauß rosa Nelken auf ihre Grabplatte lege. So ist es dann auch passiert. Das ist vielleicht kindisch — aber ich steh' dazu, auch weil ich das Gefühl habe, dass diese Frau von den Geschichtsschreibern sehr ungerecht behandelt wurde. Man hat sie als hässlich und herrisch verunglimpft, was nicht den Tatsachen entsprach. Sie war wohl eher eine sehr pragmatische Landesfürstin, die aber auch nur begrenzte Handlungsspielräume hatte.

Ein nach wie vor gegenwärtiges Problem?

Plattner: Auf alle Fälle, wie ein Blick nach Oberösterreich beweist. Die dortige Landesregierung wurde ohne eine einzige Frau gebildet. Und das im Jahr 2015.

Den Stoff reichern Sie mit dem Thema der häuslichen Pflege an. Warum?

Plattner: Nicht nur ich, sondern auch viele meiner Freunde und Bekannten waren in letzter Zeit mit der Situation konfrontiert, dass ihre Eltern oder Großeltern pflegebedürftig wurden. Vielleicht hängt das auch mit meinem Alter zusammen: Ich bin gerade 40 geworden, das ist eine Zeit, in der man sich daran gewöhnen muss, dass man sich mit Pflege auseinanderzusetzen hat.

Kein leichtes Thema ...

Plattner: Nein, aber ich bin davon überzeugt, dass wir uns nicht davor verstecken dürfen. Die Pflege-Problematik muss viel mehr in unser Bewusstsein eindringen. Früher oder später wird es die meisten von uns betreffen.

Ist es die Aufgabe des Gegenwartstheaters, solche Themen aufs Tapet und die Bühne zu bringen?

Plattner: Es ist sicher nicht die einzige Aufgabe, aber eine davon. Genauso wichtig ist aber auch, wie solche Inhalte verhandelt werden: Gerade bei so ernsten Themen bietet einem das Theater die Möglichkeit, überrascht zu werden oder zu lachen — ungewöhnliche Zugänge zu finden.

Fällt es Ihnen schwer, einen Text, der ja doch Ihr Baby ist, loszulassen und einem Regisseur zu übergeben?

Plattner: Mir fällt das überhaupt nicht schwer. Schließlich muss man auch Babys irgendwann loslassen, damit sie lernen, selbst zu gehen.

Sie zählen seit Kurzem zur Autoren-Riege des Thomas-Sessler-Verlags, der als führender Theaterverlag Österreichs gilt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Plattner: Erleichterung: Ich hab' die letzten 15 Jahre ohne Verlag gearbeitet, was hieß, dass ein großer Teil meiner Arbeit von Administrativem überstrahlt wurde. Jetzt kann ich mich noch stärker aufs Inhaltliche konzentrieren. Und dafür bin ich dankbar

In Ihren Stücken standen bis dato stets ältere Frauen im Zentrum. Bleibt das so?

Plattner: Ja. Das bleibt. Ich hab' keine Lust, männliche Figuren zu schreiben. Höchstens als Nebenfiguren. (lacht)

Das Gespräch führte Christiane Fasching

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