Chia-Samen und Co.

Wie super sind Superfoods wirklich?

Von Chia-Samen bis Aroniabeere: Was taugen die so genannten Superfoods?
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Wertvolle Nahrungsmittel heißen jetzt Superfoods. Klingt verdächtig nach Werbung. Einige Produkte werden ihrem Namen aber gerecht – auch, weil sie einfach schmecken.

Von Nicole Strozzi

Innsbruck — Wer im Bioladen oder Reformhaus nach „Kia-Samen“ fragt oder — noch schlimmer — dabei an eine Automarke denkt, tritt bereits ins erste Super-Fettnäpfchen. Denn Chia-Samen (sprich Dschia-Samen) mischen derzeit in der A-Liga der so genannten Superfoods mit, also jenen Lebensmitteln mit einer besonders hohen Nährstoffdichte. Gemeinsam mit Hanfsamen, Gersten- und Weizengras, Moringa, Algen, Aronia-Beere und Co. sollen sie sich positiv auf das Wohlbefinden auswirken und dem Körper die nötigen Vitamine und Mineralstoffe liefern.

Doch wie das in Zeiten von Supermodels, Superhelden und dem Wörtchen „super“ im Allgemeinen nun mal so ist, fragt sich Otto Normalverbraucher: Benötigen wir tatsächlich zusätzlich Proteinpulver, Kapseln und Säfte oder reicht eine normale Kost völlig aus? Und brauchen wir wirklich Chia-Samen aus Mexiko im Müsli, oder tun es die viermal billigeren Leinsamen nicht auch?

Dina Karacaoglan, Dipl.-Ernährungstrainerin, Einkaufsberaterin und Mitarbeiterin in „Sophies Biowelt“ in Innsbruck hat sich intensiv mit dieser Thematik befasst. Sie antwortet: „Ich sage nicht, dass es heutzutage unmöglich ist, aber es ist sehr schwierig geworden, alleine mit der täglichen Ernährung alle wichtigen Mineralstoffe und Vitamine aufzunehmen.“ Zum einen, weil Böden teilweise so intensiv bewirtschaftet werden und die Umweltverschmutzung zunimmt. Zum anderen, weil viele Menschen keine Zeit mehr zum Kochen haben und dann zu Junkfood greifen. Gerade Mixgetränke, Smoothies aus Blattgemüse, Wasser und Früchten, die mit proteinhaltigem Graspulver oder einem hochwertigen Öl angereichert werden können, seien daher — frisch zubereitet — in unserer schnelllebigen Zeit sehr praktisch.

Manche Nahrungsmittel haben das Prädikat „Super“ sicher verdient, pauschale Ratschläge will die Ernährungstrainerin aber dennoch nicht geben: „Es ist schwierig zu sagen, was super oder besser ist, denn was jemandem guttut, ist individuell.“ Nach einer Krebserkrankung können viele Menschen z. B. Vollkorn nur schwer verdauen, und das, obwohl es so gesund ist. Ein Sportler braucht mehr Protein. Ein anderer verträgt wiederum Leinöl nicht gut und ein Dritter findet den Geschmack von Gerstengras widerlich. Das grüne Safterl runterzuwürgen macht keinen Sinn. „Die Produkte müssen in erster Linie schmecken“, ist die Expertin überzeugt.

Kunden sollten deshalb nicht gleich zehn verschiedene Sachen einkaufen und alles wahllos mixen, sonst wisse man ja gar nicht, was wie wirkt. Besser in kleinen Mengen ausprobieren und Abwechslung ins Spiel bringen. Warum nicht einmal Haferflocken durch Buchweizenflocken, Goji- durch Aronia-Beeren oder Leinöl durch Hanföl ersetzten? Der Körper zeigt schon selbst, was ihm guttut. Fakt ist: Er verlangt aber nach Nährstoffen, also Omega-3-Versorgern, Proteinen und Antioxidantien für einen gesunden Darm, Vitalität und eine gute Immunabwehr.

Karacaoglans persönlicher Superfood-Favorit ist Kokosöl. Kokosöl sei zwar nicht regional, hat aber den großen Vorteil, dass man es auch erhitzen kann. „Regionalität ist sehr wichtig, das sollte man auch unterstützen“, sagt sie. Bei Superfoods sei es aber nun einmal so, dass das Beste aus aller Welt zusammengetragen wurde. „Leinsamen sind zwar viermal billiger als Chia-Samen, aber um die Nährstoffe zu bekommen, müssen die Samen frisch gemahlen sein und Leinsamen werden schnell ranzig. Außerdem mag ich ganz einfach den Geschmack von Chia-Samen“, gibt die Expertin zu. Es gebe aber durchaus viele regionale „Superhelden“ wie Sprossen, Linsen und heimische Getreide (wichtig: Keimen lassen, dann liefern sie noch mehr Nährstoffe!), Beeren, Nüsse, Tees, Kräuter, Kraut oder Kohl, die man sehr gut mit andern Superfoods kombinieren kann.

In puncto Einkauf sollten Kunden möglichst zu Produkten organischen Ursprungs sowie zu Bio- und Rohkostqualität greifen und lernen, Etiketten selbstständig zu lesen. Moringa, so Karacaoglan, gilt z. B. als nährstoffreichste Pflanze der Welt. Es heißt, die Pflanze aus Indien liefert 17-mal mehr Kalzium als Milch. Das Problem: Man vergleicht Trockenpulver mit Flüssigkeit, was den Wert wieder relativiert. Würde man Moringapulver mit Milchpulver vergleichen, liefert ersteres nur 1,5- bis zweimal so viel Kalzium wie Milch. Also: Moringa ist sehr wertvoll, aber nicht alles ist immer so, wie es die Werbung suggeriert.

7 Superfoods

Gersten- und Weizengras: reich an Vitaminen, Enzymen und Mineralien. Z. B. als Pulver: 1 EL in Smoothie oder Joghurt rühren.

Hanfsamen: keine berauschende Wirkung, sondern reichhaltige Quelle für pflanzliches Protein. Topping für Salate oder Smoothies.

Chia-Samen: Quelle hochwertiger Omega-3-Fettsäuren, sorgt für gute Verdauung. In Wasser, Tee oder Milch (als Pudding) quellen lassen oder in Brot verarbeiten.

Algen: hoher Gehalt an Chlorophyll, Mineralstoffen und Vitaminen, Freie-Radikale-Fänger, in Form von Presslingen, Kapseln, Pulver.

Sprossen: vollbepackt mit Enzymen, die die Verdauung ankurbeln. Für Salat, Brot und Gemüsesuppe. Getrocknet (z. B. Buchweizenkeimlinge) auch gut im Müsli.

Aroniabeere: Antioxidante Wirkung, wirkt vorbeugend, unterstützend, belebt die Darmflora, z. B. als Saft.

Kokosöl: Pflegt auch Haut und Haar, erhält gesunde Cholesterinwerte, stärkt das Immunsystem, sorgt für gute Verdauung und Stoffwechsel.

Heimische

Buchtipp: In „Local Superfoods“ (Trias-Verlag) bringt die Bloggerin Franziska Schmid heimische Lebensmittel mit Superkräften (vereint mit überregionalen Nahrungsmitteln) auf den Teller. Die Protagonisten: Blaubeeren, Sanddorn, Wildkräuter, Gersten- und Weizengras, Kresse, Hanfsamen, Süßlupinen und Co. Zudem gibt die Autorin Tipps, wie man Grünkohl anbauen und Weizen- und Gerstengras selbst ziehen kann.

Grüner Smoothie: 2 Hand voll Baby-Blattspinat, 1 reife Banane, 2 Kakis, 1—2 Tassen Kokoswasser, 1 Msp. Vanillepulver. Zutaten in den Mixer geben, das Blattgrün zuletzt und dann das Kokoswasser dazugießen. Etwa 1 Minute pürieren.

Würzige Grünkohlchips: Backofen auf 120 Grad (Umluft 100 Grad) vorheizen. 10—15 Grünkohlblätter vom Stengel zupfen, in mundgerechte Stücke zupfen, waschen, trocknen, zur Weiterverarbeitung müssen die Blätter trocken sein. Blätter in einer großen Schüssel mit Olivenöl beträufeln, das Öl einmassieren und mit grobem Meersalz bestreuen. Blätter auf Backpapier auslegen. Auf mittlerer Schiene etwa 40 Minuten trocknen lassen.

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