Helmut Schmidt tot - Vranitzky: „Überaus moderner Politiker“

Wien (APA) - Laut Alt-Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) war der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) ein „überaus moderner Politiker“....

Wien (APA) - Laut Alt-Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) war der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) ein „überaus moderner Politiker“. Schmidt sei der Ansicht gewesen, dass „dieser kleine Kontinent Europa“ nicht ohne großes internationales Interesse und ohne internationale Verbindungen zurande komme, sagte Vranitzky in der ZiB-24 vom Dienstag zur Begründung seines Urteils.

Der deutsche Politiker habe damit „dieser Kleinstaaterei, dieser Nationalstaaterei, diesem unsinnigen ‚small is beautiful‘“ eine Absage erteilt. Schmidt habe die Position vertreten, dass sich Europa öffnen und alles in Hinblick auf Innovation und Modernisierung tun müsse, um im internationalen Wettstreit erfolgreich zu bleiben.

Schmidt habe auch immer wieder gesagt, dass Stabilität, Ordnung und Frieden in Europa ohne den USA - aber auch ohne Russland - nicht möglich seien, erklärte Vranitzky. „Also er hat keine Tür‘ zu gemacht. Es war immer alles für ihn offen, obwohl er auch nicht unkritisch war.“ Der deutsche Politiker habe immer wieder betont: „Sperren wir uns nicht selber ein, machen wir auf.“

Zu den unvergesslichen Erlebnissen mit Schmidt zähle Vranitzky „viele kleinere und größere“. Bei einem Wien-Besuch habe Vranitzky dem deutschen Altkanzler den damaligen Minister für Wissenschaft und Zukunft vorgestellt. „Wissenschaft und Zukunft, das ist ein Widerspruch“, habe Schmidt daraufhin gesagt. Der deutsche Altkanzler sei zudem „natürlich“ damit aufgefallen, dass er eine Zigarette geraucht habe - „ganz gleichgültig in welchen Lebensumständen“ oder „ob es verboten oder erlaubt“ gewesen sei.

Zudem sei Schmidt nicht arrogant, aber selbstbewusst genug gewesen sei, um zu seinen Positionen zu stehen. Dass er sich auch über Schmidt ärgern musste, gab Vranitzky aber auch zu. „Er hat ein Buch geschrieben über die Nachbarn Deutschlands und in dem Buch kommt Österreich nicht vor. (...) Das war natürlich schon nicht so sympathisch“, sagte Vranitzky.

Zur Rolle Schmidts als Politiker sagte Vranitzky, dass man angesichts verschiedenster Entwicklungen in Europa und in der Welt noch „einige Schmidts mehr“ brauchen könnte. Dabei brachte er „mit großen Vollmachten ausgestattete Staatsmänner oder -frauen“ ins Spiel, die mit „gravierenden Problemen nicht und nicht fertig werden“. Als Beispiele aktueller Entwicklungen nannte Vranitzky unter anderem die Flüchtlingskrise, die hohe Arbeitslosigkeit in Europa und eine „verfehlte Russlandpolitik“. Da gebe es einige Bereiche, in denen man „mutige und entscheidungsfreudige Menschen brauchen könnte“, so Vranitzky, der sich von Schmidts klarem Verstand sowie präzisen Ausformulierungen beeindruckt zeigte.

Auf die Frage, was Schmidt über Politiker denken würde, die angesichts der Flüchtlingskrise Zäune errichten ließen, sagte Vranitzky: „Er würde wahrscheinlich einen Leitartikel in der „Zeit“ schreiben und die in Grund und Boden verdammen.“ Auf die Frage, wie groß Vranitzkys Hoffnung sei, dass die Bundesregierung einen „guten Plan“ angesichts der Flüchtlingskrise präsentieren werde, sagte dieser: „Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt.“