Helmut Schmidt (1918-2015)

Deutschland trauert: Welt würdigt Schmidt als Friedensstifter

Wie man ihn kannte: Schmidt rauchte wie ein Schlot - in allen Lebenslagen und überall.
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Am Tag nach dem Tod von Altkanzler Helmut Schmidt würdigen Politiker aller Länder und aller Lager den herausragenden Ökonom, Politologen und Publizisten.

Hamburg/Wien – Deutschland trauert. Um einen großen Politiker, einen Publizisten, einen Staatslenker: Einen Tag nach dem Tod vom deutschen Altkanzler Helmut Schmidt beginnen am Mittwoch die Planungen für die Trauerfeierlichkeiten.

Nach einem Bericht der Zeitung „Die Welt“ soll der SPD-Politiker in zwei bis drei Wochen bei einem Staatsakt in Hamburg gewürdigt werden.

Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollen sich am Mittwochvormittag in ein Kondolenzbuch im Bundeskanzleramt in Berlin eintragen. Auch im Hamburger Rathaus wird ein Kondolenzbuch zu Ehren Schmidts ausliegen.

Würdigungen aus aller Welt

Schmidt starb am Dienstag zu Hause in Hamburg mit 96 Jahren im Kreis seiner Familie. Führende deutsche und europäische Politiker würdigten den Sozialdemokraten als eine der prägendsten Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte. „In seinen öffentlichen Ämtern, ganz besonders als Bundeskanzler, hat Helmut Schmidt Großes geleistet“, schrieb Gauck an Schmidts Tochter Susanne Kennedy-Schmidt. Merkel nannte Schmidt, der zwischen 1974 und 1982 regiert hatte, eine „politische Institution der Bundesrepublik“.

Altkanzler Helmut Schmidt, aufgenommen am 02.07.2012 während der 60-Jahr-Feier der Atlantik-Brücke in Berlin.
© APA/dpa/Rainer Jensen

Präsident Heinz Fischer betonte in einer Aussendung: „Seine Stimme hatte im In- und Ausland Gewicht, ein großer Staatsmann ist von uns gegangen.“ Schmidt sei „in schweren Stunden entscheidungsfreudig“ gewesen, so Fischer, „und seine Handlungen waren von großem Verantwortungsbewusstsein und moralischen Kategorien geprägt.“

„Er ist sehr, sehr friedlich gestorben“, sagte Schmidts Leibarzt Prof. Heiner Greten. Der Altkanzler war Anfang September in Hamburg wegen eines Blutgerinnsels am Bein operiert worden. Nach gut zwei Wochen verließ er auf eigenen Wunsch das Krankenhaus und kehrte in sein Haus in Hamburg-Langenhorn zurück, wo er rund um die Uhr betreut wurde. In den vergangenen Tagen hatte sich sein Gesundheitszustand rapide verschlechtert.

Laut Vranitzky „überaus morderner Politiker“

Laut Alt-Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) war der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) ein „überaus moderner Politiker“. Schmidt sei der Ansicht gewesen, dass „dieser kleine Kontinent Europa“ nicht ohne großes internationales Interesse und ohne internationale Verbindungen zurande komme, sagte Vranitzky in der ZiB-24.

MIt seiner großen Liebe: Helmut und Loki Schmidt.
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Schmidt habe die Position vertreten, dass sich Europa öffnen und alles in Hinblick auf Innovation und Modernisierung tun müsse, um im internationalen Wettstreit erfolgreich zu bleiben.

Schmidt habe auch immer wieder gesagt, dass Stabilität, Ordnung und Frieden in Europa ohne den USA - aber auch ohne Russland - nicht möglich seien, erklärte Vranitzky. „Also er hat keine Tür‘ zu gemacht. Es war immer alles für ihn offen, obwohl er auch nicht unkritisch war.“ Der deutsche Politiker habe immer wieder betont: „Sperren wir uns nicht selber ein, machen wir auf.“

Weißes Haus kondoliert

Die USA haben den verstorbenen deutschen Altbundeskanzler ebenfalls gewürdigt. Seine prinzipientreue Herangehensweise bei der Förderung der Entspannungspolitik habe ihm breite Bewunderung eingebracht, teilte das Weiße Haus mit.

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (r) stecken während einer Pressekonferenz am 23. Juni 1978 in Bonn die Köpfe zusammen.
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Zugleich habe sich Schmidt standhaft gegen Aggression und Verletzungen der fundamentalen Freiheiten und Menschenrechte gewandt. US-Außenminister John Kerry sagte, Schmidt habe die deutsche Bundesrepublik „durch einige ihrer entscheidenden Jahre“ geführt. Der Ex-Bundeskanzler habe zudem dabei geholfen, „Deutschland in eine selbstbewusste politische und wirtschaftliche Macht im Herzen Europas zu verwandeln.“

Kämpfer für den Frieden

„Mit Schmidt starb einer der letzten führenden deutschen Politiker, deren Antrieb, Politik zu gestalten, in der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs gründete“, schreibt die „Zeit“, deren Herausgeber Schmidt einst war. Er wollte immer dabei mithelfen, „dass der Frieden bleibt“, so Egon Bahr.

Krieg spielte im Leben des verstorbenen Ökonomen eine zentrale Rolle. Schon in seiner Jugend, als er in den Nachkriegsjahren nicht wie gewünscht Architektur sondern Ökonomie studieren „musste“, weil das die günstigere Alternative war. Bis heute ist Helmut Schmidt den Menschen als „Weltökonom“ in Erinnerung, der wirtschaftliche Zusammenhänge brilliant und nachvollziehbar erklären konnte. Unzählige Bestseller darüber geschrieben hat – und damit selbst untere Schichten erreichen konnte.

Schmidt warnte zeitlebens von Einflussfaktoren wie Jugendarbeitslosigkeit oder Unregelmäßigkeiten am Finanzmarkt, die zur Gefahr für die Demokratie werden könnten.

Auch innenpolitisch pochte der Politiker auf die Friedenssicherung. Dazu zählte für ihn auch, sich Erpressungsversuchen des Terrorismus nicht zu ergeben. Nur so könne Demokratie freundlich aber gleichzeitig auch robust und wehrhaft sein. „Auch der Friedfertige kann sich nicht darauf verlassen, dass die eigene Friedenssehnsucht schon ausreicht, um den Frieden zu bewahren. Der Friede muss immer neu gestiftet werden. Er muss insbesondere gestiftet werden zwischen solchen Staaten, die sich gegenseitig misstrauen und die sich gegenseitig bedrohen.“ Am 10. November 2015 hat Deutschland einen seiner wichtigsten Friedensstifter verloren. (APA/dpa/AFP/TT.com)

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