1918-2015

Helmut Schmidt, ein Nachruf: Der Staatsmann mit Weitblick

Helmut Schmidt war Politiker, Publizist, Ökonom und Weichensteller. Sein Tod erschüttert die Deutschen, für die er längst zum „ewigen Kanzler“ geworden ist.
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Helmut Schmidt starb im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Hamburg. Der Altbundeskanzler und Die-Zeit-Herausgeber war eine moralische Instanz.

Von Michael Sprenger

Berlin – Wer immer das Glück hatte, in den vergangenen Jahren Helmut Schmidt reden zu hören, wird dies in bleibender Erinnerung behalten. Wer sich an die beiden Duelle zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt auf der einen und CSU-Chef Franz Josef Strauß und CDU-Chef Helmut Kohl auf der anderen Seite erinnern kann, wird im Nachhinein noch ins Schwärmen kommen. Und wer am 1. Oktober 1982 von der Früh weg im deutschen Fernsehen die Live-Übertragung der Bundestagsdebatte zum konstruktiven Misstrauensvotum und den Kanzlersturz verfolgt hatte, der wird an die Politik früherer Jahre wehmütig zurückblicken.

Helmut Schmidt prägte acht Jahre lang als sozialdemokratischer Kanzler die Bonner Republik. Helmut Schmidt feuerte nach seiner Kanzlerschaft über 30 Jahre lang die politische Debatte in Deutschland an. Wenn der leidenschaftliche und begnadete Redner von seiner Menthol-Zigarette einen tiefen Zug nahm, und Schmidt rauchte immer und überall, und dabei die Weltzusammenhänge erklärte und die Zeitgeschichte veranschaulichte, dann strafte er die politische Generation von heute als Ansammlung von Dilettanten.

Der Altbundeskanzler und Die-Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt ist tot. Er starb am gestrigen Dienstag im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Hamburg.

Sein Name ist mit dem NATO-Doppelbeschluss (im Bild der frühere Berliner Bürgermeister Richard von Weizsäcker und US-Präsident Ronald Reagan) verbunden.
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Der scharfsinnige Politiker und Publizist galt in den USA jahrelang als der bedeutendste Deutsche. Sein Image als Krisenmanager erwarb sich der noble Hanseat, als er im Jahre 1962 während der großen Sturmflut als Innensenator seiner Heimatstadt die Rettung Tausender Hamburger organisierte. Er scherte sich nicht um die Verfassung und forderte Hubschrauber der Bundeswehr und der Royal­ Air Force an, um Menschen aus dem Katastrophengebiet retten zu können.

1974 wurde Schmidt Kanzler. Die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt regierte bereits seit 1969. Plötzlich wurde die Republik von der Guillaume-Affäre erschüttert. Nachdem ein Mitarbeiter Brandts als DDR-Spion enttarnt worden war, trat Brandt zurück. Schmidt wurde Kanzler – und führte die sozialliberale Koalition fort. Ein Job, den er nicht wollte und nicht anstrebte. Ein Job, den er mit Bravour meisterte.

Schmidt war ein Gegenentwurf zu Brandt. Er war ein Arbeitstier, gewissenhaft und umfassend gebildet. Schmidt war Ökonom und Staatsmann mit Weitblick. Er führte die Bundesrepublik durch die Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre. Als dann die noch relativ junge Republik durch die Terrorjahre der Roten Armee Fraktion herausgefordert wurde, wurde er mit der schwersten Entscheidung seiner Amtszeit konfrontiert. Darf sich ein Staat erpressen lassen? Als im Herbst des Jahres 1977 eine Lufthansa-Maschine entführt wurde, um gefangene RAF-Terroristen freizupressen, entschied er sich dagegen. Schmidt gab der Anti-Terror-Einheit GSG9 den Befehl, in Mogadischu das Flugzeug zu stürmen. Alle Geiseln wurden befreit, der entführte Schleyer später ermordet. Schmidt übernahm die politische Verantwortung und erntete Respekt.

Als er es war, der die US-Amerikaner mit dem NATO-Doppelbeschluss zur Aufrüstung drängte, verlor er zusehends den Rückhalt des linken Flügels in seiner Partei. Als dann auch Helmut Kohl die Schwäche Schmidts erkannte und die FDP umgarnte, ging die Kanzlerschaft ihrem Ende zu. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wurde ein Kanzler durch das konstruktive Misstrauensvotum gestürzt. FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher hatte mit Kohl den Sturz Schmidts vorbereitet. Jahre später danach befragt, wie er Genschers Strategie im Nachhinein bewerte, meinte er trocken: „Strategie ist zu hoch gegriffen, nennen wir es Taktik.“

Seine geliebte Loki starb 2010.
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Wenn Schmidt in seinen Kanzlerjahren auch umstritten war – der NATO-Doppelbeschluss bescherte der Bonner Republik Massendemonstrationen –, so wurde er danach zu einem der populärsten und anerkanntesten Deutschen.

Mit seinen Kommentaren als Mitherausgeber der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit wurde er zum messerscharfen Analytiker des Weltgeschehens. („Wenn wir uns überall einmischen wollen, wo himmelschreiendes Unrecht geschieht, dann riskieren wir den Dritten Weltkrieg.“)

In seinen letzten Lebensjahren litt Schmidt an seiner Schwerhörigkeit. Er konnte seinen geliebten Bach am Klavier nicht mehr anständig spielen und Klassik nicht mehr differenziert hören. Zu oft vernahm er Krach. Bis zuletzt schrieb er Bücher, gab Fernsehinterviews und hielt Vorträge. Über Gott und die Welt. Für viele Deutsche war er der „ewige Kanzler“. Mit Helmut Schmidt starb ein großer Europäer, ein leidenschaftlicher Politiker mit Witz und Schnauze, der kaum wie ein anderer hart an der Kante argumentierte, der überzeugen konnte und von seinen Grundsätzen überzeugt war.

Steininger: „Manager in Krisenjahren“

Rolf Steininger forschte und schrieb über die Kanzler nach 1945 und erarbeitete für die ARD eine sechsteilige Dokumentation über die Bonner Republik. Der frühere Professor für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck nennt Helmut Schmidt eine „moralische Instanz“.

1. Helmut Schmidt wurde in seiner Kanzlerschaft als „Krisenmanager“ bezeichnet. Ein zulässiger Titel. Allerdings hatte er das Pech, in seiner Kanzlerzeit nicht die großen Spuren wie Adenauer (Wiederaufbau), Brandt (Ostpolitik) oder Kohl (Wiedervereinigung) zu hinterlassen. Sein Freund Henry Kissinger sagte zu Recht: Die Geschichte hat ihm übel mitgespielt.

2. Schon 1962, als Hamburger Senator, war er der „Krisenmanager“.

Der frühere Offizier übernahm bei der großen Sturmflut das Kommando. Kurzerhand orderte er die Bundeswehr herbei, um den Menschen zu helfen. In seinen Kanzlerjahren war er immer wieder als Krisenmanager gefragt: In seine Zeit fielen die große Ölkrise, die Terrorjahre der RAF und dann der NATO-Doppelbeschluss. Gemeinsam mit Giscard d’Estaing trieb er zudem den europäischen Einigungsprozess voran.

3. Der NATO-Beschluss sorgte dafür, dass Schmidt vor allem von der Linken scharf kritisiert wurde.

Schmidt war die treibende Kraft. Die Aufrüstung des Westens sorgte für Massendemonstrationen in der Bundesrepublik. Aus heutiger Sicht, und dafür gibt es Beweise, führte der Doppelbeschluss zum Wettrüsten der Blöcke und so zum Beginn des Zerfalls der Sowjetunion.

4. Anders gefragt: Die Person Helmut Schmidt bekam nach ihren Kanzlerjahren ein anderes Image?

Er wurde zum „ewigen Kanzler“. In erster Linie war hierfür seine Herausgeberschaft der Wochenzeitung Die Zeit verantwortlich. Schmidt, der Macher, war ein feinsinniger Mensch. Er spielte Klavier, er kannte die Weltliteratur und er hatte eine Schnauze. Aber viel wichtiger war die Tatsache, dass er auf allen politischen Feldern zu Hause war. Wenn Schmidt den Zeigefinger hob, wurde es ruhig in Deutschland.

Das Interview führte Michael Sprenger

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