Sehr erträglich: „Tolerator“ Thomas Maurer geht an die Schmerzgrenze

Wien (APA) - Darf, soll, muss man als toleranter Mensch Hasspostings, die die Flüchtlingskrise mit Gaskammern, Tretminen oder Hinrichtungen ...

Wien (APA) - Darf, soll, muss man als toleranter Mensch Hasspostings, die die Flüchtlingskrise mit Gaskammern, Tretminen oder Hinrichtungen lösen wollen, aushalten? Kabarettist Thomas Maurer macht sich in seinem neuen Solo Gedanken über die täglichen Mühen des Ertragens und geht dabei zuweilen an die Schmerzgrenze. Als „Tolerator“ legte er am Dienstag einen umjubelten Premierenabend im Wiener Stadtsaal hin.

Den Titel separat betrachtet, könnte man glauben, der 48-jährige Kleinkünstler schließe nahtlos an sein Vorgängerstück „Neues Programm“ aus dem Jahr 2013 an. In dessen zweiten Hälfte versuchte sich Maurer mehr mau als schlau in der Persiflage des US-Blockbuster-Kinos. „Der Tolerator“ legt Verweise auf Schwarzenegger‘sche und artverwandte Filmkunst durchaus nahe.

Aber weit gefehlt - und das ist gut so. Denn Maurer, der inzwischen mehr als ein Vierteljahrhundert Bühnenerfahrung auf dem Buckel hat, findet in seinem neuen Streich zur alten Form zurück. Beinahe schon in schaumgebremster Gunkl-Manier dekliniert das Bühnen-Ich - vorgeblich infolge eines angefragten Beitrags für ein einschlägiges Symposium - den Toleranzbegriff mit Umwegen über Karl May und Michael Jeannee, den Propheten Mohammed sowie Sperma als verbriefter Weihwasserersatz in der christlichen Lehre durch. Die Prämisse: „Damit etwas toleriert werden kann, muss es einem vorher ja einmal kräftig am Arsch gehen. Freibier wird nicht toleriert. Freibier wird g‘soffen.“

Mit dem Aushalten ist es zwar nicht so einfach, aber Maurers Figur hat sich inzwischen durchaus im Griff, weil Tolerieren ja immer auch etwas mit gönnerhafter Selbstüberhöhung zu tun hat. Omnipräsente Emoticons, „diese gagerlgelben Schmunzelwarzen“, nimmt er inzwischen - wenn auch zähneknirschend und beängstigend grimassierend - ebenso hin wie das Wort „lecker“ oder die neuerdings zur Grundausstattung sozialer Kompetenz stilisierten Unverträglichkeiten: „Ohne zumindest eine Lebensmittelintoleranz kommt man sich inzwischen vor wie der Saubauer am Opernball. Einen Schas bei Tisch zu lassen wäre sozial geschickter.“

Schwer mit dem Tolerieren tut sich der Tolerator indes nach wie vor mit der Blödheit - und dabei landet Maurer sehr schnell beim Thema Asyl und Islamfeindlichkeit. Argumentresistente FPÖ-Wähler, die sich über vermeintlichen Geld- und Smartphone-Regen für Flüchtlinge mokieren, bringen ihn genauso zur Weißglut wie das Gefasel von deutscher Leitkultur und der politischen Alltagsphrase, dass man die Ängste der Menschen doch ernst nehmen müsse. Und aus Grant auf andere Parteien den Blauen die Proteststimme zu geben, ist das tolerabel? „Wenn ich im Wirtshaus dreckige Gläser und pickerte Teller hab, komm ich auch nicht auf die Idee, aus Protest aus der Häuslmuschel zu saufen.“

Maurers gut zweistündiger Themenabend, unterstützt durch Mini-Keyboard und gepimptem Overhead-Projektor, ist äußerst kurzweilig, voller geschliffener Pointen und angereichert mit bitterbösen Derbheiten. Spätestens im letzten Viertel, wenn der umtriebige Staatskünstler und Kolumnist uns angesichts von ertrinkenden Flüchtlingen, Klimawandel und europäischer Ausbeutungspolitik vor Augen führt, dass falsch verstandene Toleranz schnell in Ignoranz umschlägt, ist aber Schluss mit lustig. Wobei es sich Maurer nicht nehmen lässt, vor dem endgültigen Blackout - Achtung: Spoileralarm - im Smiley-T-Shirt „We shall overcome“ zu intonieren. Böser geht‘s kaum.

(S E R V I C E - „Der Tolerator“ von Thomas Maurer, Stadtsaal, nächste Termine: 12.-14., 17.-20., 25.-28. November, 20 Uhr, Karten: 01/909 2244, www.stadtsaal.com)