Flüchtlinge

Reportage aus Spielfeld: Helfer rüsten für neuen Ansturm

Mit Bauzäunen und Tretgittern sorgen Polizei und Bundesheer in Spielfeld schon jetzt dafür, dass der Druck nicht zu groß wird.
© REUTERS/Srdjan Zivulovic

Hunderte Polizisten und Soldaten sind am Grenzübergang Spielfeld im Einsatz. Zäune gibt es dort bereits. Nicht an der Grenze, sondern um Tausende Flüchtlinge kontrolliert zur Weiterfahrt zu den Transitquartieren zu schleusen.

Von Cornelia Ritzer

Spielfeld –Graue Wolken hängen tief über dem Grenzübergang Spielfeld. Das Gelände, ein großer Parkplatz an der alten Straße Richtung Slowenien, die geschlossenen Restaurants und halbverfallenen Geschäftsgebäude auf beiden Seiten der Grenze wirken trist. Hin und wieder blitzen Sonnenstrahlen durch, die herbstlich gefärbten Weinberge beginnen zu leuchten. Die Polizisten und Soldaten genießen diese Momente. Denn zu Wochenbeginn, beim Besuch der Tiroler Tageszeitung in Spielfeld, ist es ruhig, eine Auswirkung des Fährenstreiks in Griechenland. Die Sammelstelle ist erstmals nach langer Zeit leer, Durchschnaufen ist angesagt. Die Pause wird genützt, um das Gelände zu reinigen: Kein Müll, keine Decken und kein Plastik liegen am Boden, nur der scharfe Geruch der Dixie-Klos liegt in der Luft. So sauber war es seit Beginn der Flüchtlingskrise dort noch nie, sagen viele.

Es ist eine Ruhe vor dem Sturm, eine „Momentaufnahme“, weiß Fritz Grundnig, Pressesprecher der steirischen Landespolizeidirektion. Die Männer und Frauen stellen sich bereits auf neue Spitzen ein. Denn der durch den Streik entstandene „Rückstau“ an Flüchtlingen wird an der österreichisch-slowenischen Grenze früher oder später eintreffen, mehrere Tausende sind angekündigt. Ob sie am Tag oder erst in der Nacht Spielfeld erreichen, hängt davon ab, wie schnell die Menschen über die Balkanroute weiterkommen.

Etwa eine halbe Stunde vor Ankunft der ersten Gruppe von Flüchtlingen an diesem Tag werden die Polizisten von ihren slowenischen Kollegen informiert. Nach einem 15-minütigen Fußmarsch vom Bahnhof Sentilj erreichen Männer, Frauen und Kinder die erste Schleuse. Die Soldaten winken Gruppen von je 50 Menschen durch, hin zum Platz mit dem Rotkreuz-Zelt. Die Menschen sind erschöpft, die meisten tragen dicke Jacken und Mützen, sie sind viel zu warm angezogen für diese milden Temperaturen. Und überall sieht man kleine Kinder, sogar Babys. Ein Vater trägt einen Säugling in einer rosa Tragetasche, zwei kleine Mädchen in rosa Pullis laufen ihren Eltern hinterher. Ein älterer Mann schiebt einen jüngeren im Rollstuhl, ein tätowierter Mann geht mit Krücke, Erwachsene tragen Rucksäcke oder Reisetaschen, die meisten aber nur kleine Plastiksäcke. Trotzdem haben sie Glück, sie müssen nach dem Einlass ins Gelände kaum eine Stunde warten und können weitergehen, zu den Bussen, die wenige Meter entfernt bereits warten. Im Notquartier Schärding in Oberösterreich gibt es viele freie Betten. Wenn die Quartiere voll sind, bedeutet das hingegen lange Wartezeiten für die Flüchtlinge. „Busse allein helfen nichts, wir brauchen ein Ziel, wo wir sie hinbringen können“, erklärt der Polizeisprecher.

Seit Beginn der Ausnahmesituation in Spielfeld, seit sich im September die Flüchtlingsroute über Ungarn durch den dortigen Zaun nach Süden verlagert hat, haben die Einsatzkräfte viel dazugelernt. In den vergangenen Tagen wurden vom Bundesheer beheizbare Zelte aufgestellt, in denen bis zu 3000 Personen übernachten könnten. Mit Tretgittern und Bauzäunen, die auch bei Festivals oder anderen Großveranstaltungen zum Einsatz kommen, errichten die Beamten mobile Barrieren. Damit können sie die Menschen auf kleine Gruppen aufteilen.

Brenzlige Situationen wie im Oktober, als bis zu 5000 Flüchtlinge am Grenzübergang festsaßen und Tausende nach langer Wartezeit gegen ein Gitter gedrückt haben, will man damit verhindern. Damals musste die Absperrung geöffnet werden, um Schlimmeres zu verhindern. „Geordnetes Druckwegnehmen“ heißt das im Fachjargon. Und ja, das könne man als Chaos interpretieren, wenn man so wolle, sagt Grundnig.

Doch die Einsatzkräfte hätten besonnen gehandelt: Statt zu eskalieren, nahmen sie in Kauf, dass die Menschen über die Grenze laufen, ohne registriert zu werden. Damals glaubten nämlich viele Flüchtlinge, dass ihr Ziel Deutschland nicht weit weg und zu Fuß erreichbar wäre. Daraufhin wurden sie mit Lautsprecherdurchsagen in ihrer Muttersprache informiert, die meisten kamen freiwillig zurück. Es ist spürbar, dass Tage wie diese den Einsatzkräften in den Knochen stecken. Sie haben aber auch Verständnis für die verunsicherten Flüchtlinge. Dass damals niemand schwer verletzt wurde, grenze an ein Wunder, sagen trotzdem manche – aber niemand offiziell.

Für die nun installierten Eingangsschleusen sind die Soldaten verantwortlich. Als eine schwangere Frau mit Schmerzen vorzeitig weggebracht werden muss, bittet eine Ärztin die Bundesheereinheit „Psyops“, die erstmals einen Inlandseinsatz macht und für psychologische Einsätze geschult ist, um Hilfe. Per Lautsprecherdurchsage sollen der Ehemann und die zwei Kinder in der wartenden Menge gesucht werden.

Dank der Dolmetscher, die Persisch oder Arabisch sprechen, dauert es nur wenige Minuten, bis die Familie wieder vereint ist. Wenn aber in Spitzenzeiten 2000 Menschen dicht gedrängt auf Versorgung und Weiterreise warten, vergehen oft Stunden, bis sich Gruppen oder Familien wiederfinden. Auch auf solche Situationen hat man in Spielberg mit einer Neuerung reagiert: An einem zentralen Ort weht eine riesige blaue Fahne. „Go to the blue flag“, lautet dann die Anweisung, wenn man sich verloren hat.

An den Eingängen offenbaren sich die meisten Schicksale: die Tränen der Kinder, die Erschöpfung der Erwachsenen und die Hoffnung, dass diese Grenze nicht das Ende der Flucht bedeutet und abgeriegelt wird. Aus diesem Grund wechseln sich die Soldaten in diesem Dienst am häufigsten ab, erklärt Oberstleutnant Gerhard Schwaiger, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in der Steiermark.

Wenn Zeit für Pausen ist, sprechen Polizisten und Soldaten natürlich auch über die Politik, über Zäune oder bauliche Maßnahmen – und darüber, ob und wie lange die Grenze zu Deutschland noch offen bleibt, und was das für Österreich bedeuten kann. Doch diese Entscheidungen werden nicht in der Südsteiermark gefällt. In Spielfeld ist es vielmehr das Wort „Ordnung“, das die Beamten beschäftigt. Geordneter Eingang, geordnetes Durchkommen, geordnete Übergänge – das ist ihre Aufgabe. Auch dass schon jetzt Stacheldraht an den Böschungen montiert ist, wird verteidigt, führt doch auf der einen Seite des Grenzüberganges die Autobahn vorbei, auf der anderen Seite die internationale Zugstrecke. Versucht jemand die Schleusen zu umgehen und über die Böschung zu klettern, könnte das gefährlich enden.

Der Einsatz des Bundesheeres in Spielfeld wird noch „sechs bis acht Monate“ dauern, erwartet Othmar Commenda, Chef des Generalstabes. Die Polizisten wurden bis mindestens Ende des Jahres für ihren Dienst eingeteilt. Genaueres weiß aber niemand. Und wie mit fallenden Temperaturen und Schnee, mit Kälte und gefährlichen Wetterbedingungen für die Flüchtlinge umzugehen sein wird, wird derzeit noch verdrängt.

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