Über ein Jahr nach Ende des Gaza-Kriegs erstes Haus wiederaufgebaut

Gaza (APA/AFP) - Weit mehr als ein Jahr haben Atef al-Zaza und seine Familie gewartet. Nun haben sie endlich wieder ihr eigenes Haus - das e...

Gaza (APA/AFP) - Weit mehr als ein Jahr haben Atef al-Zaza und seine Familie gewartet. Nun haben sie endlich wieder ihr eigenes Haus - das erste überhaupt, das nach dem Gaza-Krieg vom Sommer 2014 komplett wieder aufgebaut wurde.

Wie tausende Wohnungen und Privathäuser in der Palästinenser-Enklave am Mittelmeer war das Haus der zwölfköpfigen Familie im Juli und August vergangenen Jahres bei den Bombenangriffen der israelischen Streitkräfte total zerstört worden.

In den ersten Monaten danach wohnten sie bei Verwandten und mieteten dann eine viel zu kleine Ersatzwohnung. Heute kann der 49-jährige Familienvater stolz sein neues Zuhause betrachten und dem Winter beruhigter entgegensehen: ein Haus mit 160 Quadratmetern Wohnfläche, das allerdings umgeben ist von einer Trümmerlandschaft.

Denn es wurde am alten Platz im Viertel Shejaiya neu errichtet. Dieser östliche Vorort von Gaza war besonders stark bombardiert worden, weil aus dem Umfeld radikale Palästinensermilizen permanent Raketen Richtung Israel feuerten. Auch gegenwärtig ist der anhaltende Konflikt nicht weit entfernt. Wenige hundert Meter östlich des Hauses der Zazas kommt es in der Grenzzone nahezu täglich zu Zusammenstößen von steinewerfenden Jugendlichen mit israelischen Soldaten.

„Trotzdem ist dies der schönste Tag meines Lebens“, freut sich Fatima, Atefs Frau. Auch wenn sie an ihre Schwager denkt, „die noch auf ihre neuen Häuser warten, und natürlich an das Schicksal aller hier im Viertel“. 14 Monate nach Kriegsende ist die Wiederaufbau-Bilanz ernüchternd: Nur dieses eine komplett zerstörte Wohnhaus wurde bisher durch einen Neubau ersetzt. Erst Ende Juni hat diese Phase des Wiederaufbaus überhaupt begonnen - mit Finanzhilfen aus Deutschland, Saudi-Arabien, Katar und Kuwait.

Dass 13.000 Familien mit nahezu 100.000 Angehörigen nach wie vor bei Verwandten oder in Notunterkünften ausharren müssen, hat mehrere Gründe. Zum einen wurden im Krieg neben den 19.000 komplett zerstörten Wohnungen auch 113.000 weitere beschädigt. Deren Reparatur hatte zunächst Vorrang; die Hälfte ist hier geschafft. Vor allem aber mangelt es weiter an Baumaterial und Finanzmitteln. Nach Angaben der israelischen Hilfsorganisation Gisha (Zugang) sind seit dem Krieg erst neun Prozent der für den Wiederaufbau benötigten Baustoffe in der Enklave eingetroffen.

Die in Gaza aktive Hilfsgruppe Norwegischer Flüchtlingsrat hat errechnet, dass täglich 440 volle Lastwagen die Grenzen passieren müssten, um den Aufbau in fünf Jahren zu bewerkstelligen. Derzeit seien es aber nur 33 am Tag. Der Grund sind strikte Grenzkontrollen. Israel limitiert, seit die islamistische Hamas-Bewegung im Gazastreifen vor acht Jahren die Macht eroberte, den Import von Holz, Stahl und Beton, die für den Bau von Bunkern und Angriffstunneln abgezweigt werden könnten. Zudem ist auch die Grenze zu Ägypten seit dem dortigen Machtwechsel vor zwei Jahren weitgehend abgeriegelt.

Vermittelt und überwacht von der UNO wurde zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde und Israel ein zeitraubender Importmechanismus ausgehandelt, der einen Missbrauch des „dual use“-Materials verhindern soll. Das UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge UNRWA ist nun Bauherr für 170 Neubauten, von denen das Haus der Zazas als erstes bezugsfertig wurde.

Ein kleiner Sieg, der aber angesichts der Armut und erdrückenden Arbeitslosigkeit im Gazastreifen fragil ist. „Hält die Blockade weiter an, werden Hoffnungslosigkeit und Wut erneut eine Gewaltexplosion erzeugen“, warnt Adnan Abu Hasna, der UNRWA-Sprecher in Gaza.

Und auch Atef al-Zaza genießt sein Glücksgefühl mit Vorsicht: „1948 sind meine Eltern hierher ins Exil geflüchtet. Während der beiden ersten Gazakriege 2008 und 2012 mussten wir unser Haus verlassen, und diesmal wurde es zerstört. Wir sagen uns immer, jede Minute kann ein neuer Krieg ausbrechen.“