Wissenschaftsforscherin Nowotny lädt zum Umarmen der Ungewissheit ein

Wien (APA) - Für die österreichische Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny ist die Ungewissheit gewissermaßen ein listiges Wesen, dem man tr...

Wien (APA) - Für die österreichische Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny ist die Ungewissheit gewissermaßen ein listiges Wesen, dem man trotz aller Bemühungen nicht entgehen kann. In ihrem neuen Buch „The Cunning of Uncertainty“ („Die List der Ungewissheit“) plädiert Nowotny für einen entspannteren Umgang mit den Grenzen der Planbarkeit und beschreibt, was man von der Wissenschaft darüber lernen könnte.

Die moderne Gesellschaft beschäftigt sich sehr umfassend mit Strategien zum Ausmerzen von Unsicherheit: Ökonomen prognostizieren Wirtschaftsdaten für kommende Jahre, Politiker sprechen nur zu gerne von langfristiger Planbarkeit, Menschen wollen genau wissen, wie sie sich verhalten müssen, um zukünftig nicht an Diesem oder Jenem zu erkranken, und Wissenschafter sollen in Projektanträgen möglichst schon darlegen, wann sie gedenken, zu welcher Erkenntnis zu gelangen.

Die Erfahrung habe sie gelehrt, „wie oft Pläne schief gehen können und dass uns ein zu starkes Selbstvertrauen dahin gehend, dass wir alles planen und vorhersehen können, oft doch auf unvorbereitete Wege lockt“, sagte Nowotny im Vorfeld der Buchpräsentation am Mittwochabend in Wien zur APA. Auf diesen Wegen tue man sich dann schwer und „stürzt von einer Krise in die andere“. Das zeige sich auch angesichts des Umgangs mit dem aktuellen Flüchtlingsstrom. Nowotny: „Wir sind in keiner Weise auf Unvorbereitetes vorbereitet.“ Das gehe auch nicht, es wäre aber ratsam, „die Einstellung dazu ändern“.

Vom Anbeginn der Geschichtsschreibung und davor haben Menschen versucht, der Zukunft und ihren potenziellen Wendungen mit mystischem Denken oder der Befragung von Orakeln schon in der Gegenwart Herr zu werden, beschreibt die ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrates (ERC). In gewisser Weise sind die modernen Wissenschaften eine Art Fortsetzung dieser Tradition - allerdings hätten sie eine neue Einstellung und erfolgreiche Methoden zur Auseinandersetzung damit entwickelt.

Vor allem in der Grundlagenforschung, für deren Förderung der ERC zuständig ist, sei es gelungen, die Ungewissheit „zu umarmen“. „Wissenschaft ist die Basis eines mächtigen systematischen Prozesses, in dem Ungewisses in Gewisses umgewandelt wird, nur um gleich wieder mit neuen Ungewissheiten konfrontiert zu werden“, schreibt Nowotny. Man habe es zudem geschafft, die Unwissenheit als „Triebkraft zu sehen, die uns Neues erschließen lässt“. Darum sei es auch sinnvoll, dass sich die Gesellschaft mit dieser Sichtweise auseinandersetzt, erklärte die Wissenschaftsforscherin.

Angesichts unzähliger weltweit immer enger vernetzter Systeme würden die Konsequenzen des Handelns immer schwerer vorhersehbar. Die Wissenschaft berechnet mit neuen Methoden bestmöglich Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten von Ereignissen. Dieser pragmatische Zugang zur Komplexität und das Mitbedenken des Zufalls täte laut Nowotny vielerorts gut: Denn problematisch werde es, wenn man sich sichere Aussagen für eng umschriebene Entwicklungen erwartet, um dann nur danach zu handeln.

Die Wissenschaft müsse der Bevölkerung ihre Sichtweise auf die Welt auch besser verständlich machen - also ihre Beziehung zur Gesellschaft weiterentwickeln. Das sei notwendig, da Forschung das Leben immer stärker beeinflusse. Neue Techniken etwa zur Analyse des Erbguts eröffnen viele neue Möglichkeiten in den Lebenswissenschaften. Es müsse den Menschen aber auch klar sein, was man auf Basis „ihrer DNA“ alles herausfinden kann und was nicht. Sonst gebe es keine Bereitschaft mitzumachen, indem man sein Genom als Forschungsobjekt zur Verfügung stellt, zeigte sich Nowotny überzeugt.

Angesichts der Tatsache, dass sich die Wissenschaft immer mehr begründen muss, sei ihr Buch auch ein „Plädoyer für die Ungewissheit“ und Argument dafür, „der Forschung den Raum zu lassen, den sie unbedingt braucht. Denn nur dann können wir Wissen erarbeiten, von dem wir noch gar nicht wissen, dass wir es wissen können.“

(S E R V I C E - Helga Nowotny: „The Cunning of Uncertainty“, Polity Press, 220 Seiten, 20,99 Euro)