Literatur

Fröhliche Geborgenheit im Erinnerungs-Strudel

© Jim Rakete

An Großeltern wachsen: Burgschauspieler Joachim Meyerhoff legt den dritten Band seines Autobiografie-Romans vor.

Von Bernadette Lietzow

Wien – Nach der Reifeprüfung in die WG, eine übliche Station im Leben junger Menschen. Auch Joachim Meyerhoff geht diesen Weg, von Schleswig-Holstein nach München, nur dass seine Wohngemeinschaft in der herrschaftlichen Nymphen­burger Villa seiner Großeltern stattfindet. Unvernünftige Partys gibt es dort, mit den Altvorderen, auch, die Getränke sind allerdings edler und die Gespräche vermutlich andere.

Nach „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ und „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ lässt der begnadete Erzähler Meyerhoff in dem nun erschienenen dritten Band „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (in Anspielung auf Goethes „Werther“) die Erinnerungen an seine Schauspielausbildung an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule Revue passieren, eingebettet in eine bemerkenswert berührende und zugleich hochkomische Würdigung seiner ungewöhnlichen Großeltern.

Es scheint ein riesiger Andenken-Laden zu sein, aus dem der Autor eine köstliche Miniatur nach der anderen hervorzaubert. Mit ironischer Distanz fördert er schmachvolle Schauspielschul-Erlebnisse zutage, erzählt zum Schreien witzig von den Schwierigkeiten, sich auf Verlangen der Enthemmung preiszugeben und nimmt in einer Art Lebensschule als scheuer Bewunderer am schillernden Leben seiner Großeltern teil. Meyerhoffs Großmutter ist die bekannte Schauspielerin Inge Birkmann, sein (Stief-)Großvater der Philosoph Hermann Krings. Kunst, Geist und liebevolle, zum Teil auch fragwürdige Rituale formen das disziplinierte und dem fortschreitenden Alter trotzende Gerüst eines luxuriösen Alltags. Diese Menschen, die mit den Enkeln im Kindes­alter nicht viel anfangen konnten, sie auf mit extra gefertigten Plastikhussen bezogenen Stühlen kleben ließen, erweisen sich dem nach dem Unfalltod des Bruders (siehe „Amerika“) Traumatisierten als liebevoll-dezente Mitbewohner und Ratgeber.

Sein Leben empfindet der junge Meyerhoff als nicht fassbare Leerstelle, „nur bei den Großeltern schloss sich allabendlich diese Lücke und ihre Vertrautheit und Zugewandtheit, ihr aus Hochprozentigem geknüpftes Netz fingen mich sicher auf“, heißt es an einer Stelle des Romans.

Rückblenden auf Wanderausflüge, bei denen des Großvaters ebenso genaue wie veraltete Karten in die Irr­e führen, die mit der wachsenden Gebrechlichkeit einhergehende Begeisterung der eleganten Großeltern für die hässliche Leichtigkeit von Goretex-Kleidung, bizarre Autofahrten und Diaabende, lassen den Leser an der durch den Tod dieser besonderen Menschen untergegangenen Welt teilhaben.

Klug und äußerst amüsant erzählt, ist dieses Buch, wie auch seine Vorgänger, ein großes Lied vom Abschiednehmen. Die vielen Toten, der Bruder, sein an Krebs verstorbener Vater, der Großvater, der sich eines Tages hinlegt, um langsam diese Welt zu verlassen, seine Großmutter, die dem Ehemann nur Monate später folgt, sie alle bleiben durch die literarische Beschäftigung ewig lebendig.

„Ich wollte diese Menschen immer dabei haben – das hat sich total eingelöst und das tut mir gut“, so Meyerhoff in einem Interview mit NDR Kultur. Der Autor, der in seinem „Zweit-Beruf“ als Burgschauspieler Anfang Dezember in der Titelrolle von Molières „Der eingebildete Kranke“ zu sehen sein wird, stellt mit „Ach diese Lücke ...“ erneut sein überbordendes Talent zum Fabulieren, zur spaßigen Schilderung von Traurigem und der acht­samen Erzählung von Skurrilem unter Beweis.

Roman Joachim Meyerhoff: Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 22.70 Euro.

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