Literatur

Zweifelnd durch zwei Jahre

© Thomas Boehm / TT

Im mittlerweile fünften Band seiner Journale spürt der Salzburger Essayist Karl-Markus Gauß dem „Alltag der Welt“ der Jahre 2011–2013 nach.

Innsbruck –Über die Beziehung von Autoren und Verlegern ist, gern auch von den Beteiligten selbst, viel geschrieben worden. Um es kurz zu machen: Einfach ist das Miteinander zumeist nicht.

Karl-Markus Gauß etwa führt in seinem neuen Buch, dem mit „Alltag der Welt“ überschriebenen fünften Teil seiner Journale, der die Jahre 2011–2013 umfasst, an, dass ein Verleger den Wunsch äußerte, Gauß möge doch Texte zu Bildern schreiben. Überlegungen zu großer Kunst sozusagen. Zu Velázquez zum Beispiel. Allzu große Euphorie ruft dieser Vorschlag freilich nicht hervor. Es sind andere Bilder, die ihn beschäftigen: Die Bilder vom Tahrir-Platz; die Bilder eines zerzauselten Weltbank-Bosses in Handschellen; Bilder aus Fukushima, von „Riots“ in London, aus Griechenland; aber auch Bilder von Bettlern auf Salzburgs Straßen – und die Geschichten, die mancheiner daraus strickt.

Darüber denkt Gauß in seinem Journal nach. Und mehr. Übers Schreiben und Lesen natürlich. Über atmosphärische Erzählungen und vergessene Erzähler. Allein die Lektüretipps, die sich aus „Der Alltag der Welt“ ableiten lassen, die Einladungen Sait Faik und Juan José Arreola, trotz Tirol-Bezugs noch exotischer, Jakob Philip Fallmerayer zu entdecken, sind ein Geschenk. Und Gauß’ Sätze, seine hellsichtigen Betrachtungen zur Zeit, sein wunderbar durchkomponiertes Zweifeln an dem, was man den „common sense“ nennen könnte, sowieso.

Obwohl man mancher Schilderung die Ernüchterung und den Zorn über die Verhältnisse, über himmelschreiende Dummheit, Schnösel und Idiotien jeden Couleurs anmerkt, gerät „Alltag der Welt“ nie zur plumpen Polemik. Karl-Markus Gauß klagt. Aber kenntnisreich, mit Stil und einer unverbiegbaren Haltung – selbst wenn, wie zu Beginn des Buches, die Bandscheibe nicht mehr mitmacht.

Das macht Gauß, als engagierten „homme de lettres“, als einen, der sich immer wieder zu Wort meldet, ohne sich dabei zum großen Welterklärer aufzuschwingen oder – noch schlimmer – zur seltsamen Talkshowexistenz zu verkümmern, auch abseits seiner Texte zur bedeutenden Figur des österreichischen Geisteslebens. Das unterstreicht „Der Alltag der Welt“ in jeder Zeile – und lässt Gauß-Leser (und wohl auch seinen Verleger) schon jetzt dem nächsten Journal-Band entgegenharren. (jole)

Journale Karl-Markus Gauß: Der Alltag der Welt. Zwei Jahre, und viele mehr. Zsolnay, 332 Seiten, 352 Seiten; 23,60 Euro.

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